Der zweiundfünfzigjährige Erzähler, Lyriker, Hörspielautor Hermann Stahl hat sich mit seinen beiden jüngsten Romandichtungen („Tage der Schlehen“ und „Jenseits der Jahre“) kraft- und ehrenvoll selber überrundet. Der dezidierte Einzelgänger aus Dillenburg im Westerwald, der sich seit Jahr und Tag in Oberbayern heimisch gemacht hat, begann als bildender Künstler: als Bühnenbildner, als Maler, der bei den Münchner „Juryfreien“ debütierte. Jakob Wassermann war es, der damals Hermann Stahl in seiner Neigung zu dichterischen Versuchen bestärkte. Dann brach in Wassermanns letztem Lebensjahr die „Zeitwende“ über uns herein, und der Maler Hermann Stahl (auch er „entartet“, „jüdisch versippt“) erhielt Berufsverbot. Zwangsläufig war damit die Alternative, vor der er stand, zugunsten der Schriftstellerei entschieden. Derselbe Verlag, der später Ernst Jüngers „Marmorklippen“ herausbrachte, lancierte Stahls ersten Roman, „Traum der Erde“. Aus Widerstandskreisen bekam das Buch Beifall für den unzeitgemäß-persönlichen, geschliffenen Stil; doch tönte dieses Lob wohl zu laut. Die Handlanger der Mächtigen wurden aufmerksam, nahmen ihn in die Klemme und erpreßten von ihm ein gereimtes Lippenbekenntnis. Sodann tolerierten sie ihn, und er konnte weiterhin Bücher veröffentlichen.

Daß er diese Möglichkeit wahrnahm, ist Stahl vom Frühjahr 1945 an immer wieder angekreidet worden. Übersehen wurde dabei völlig, daß er gar keine unnötigen Konzessionen gemacht hat. Und übersehen wurde ebenso, daß ein Autor, der seine Ausdrucksmittel steigern und ihrer sicher werden, will, das, was er zu Papier bringt, auch gedrückt sehen muß. Ein Hermann Stahl wäre nicht er selber, hätte er sich nicht hartnäckig darauf versteift, „für die Poesie zu leben“ statt „von der Poesie“.

Heute nun, da dem etrospektiven, bis in die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg zurückführenden Zeitroman „Jenseits der Jahre“ als womöglich noch reifere epische Bestandsaufnahme der Generationen – der älteren, der mittleren, der jungen – Stahls „Tage der Schlehen“ auf dem Fuße gefolgt sind: heute präsentiert sich in solcher fundamentalen Doppelleistung die Summe all der anderen Bücher, die Stahl zuvor hat hinter sich bringen müssen. Daß Stahl es nunmehr „geschafft“ hat, hat weder etwas Zufälliges – noch attestiert man es einem Autor, der nicht selber sehr genau wüßte, „daß man den Stein nie so weit werfen kann, wie man ihn träumte“.

Dahin auch weist Stahls Eingeständnis, es sei ihm, als er sein jetzt vorliegendes Buch schrieb, „um die Grenze den Traum zu bewahren“, gegangen; um „das Durchlässige, Poröse, das bei aller ‚Zeitgebundenheit‘ Außerzeitliche“ – bildlich gesagt: darum, „daß Schlehen leicht ihren Hauch verlieren“. Sie bewahren in der Tat ihren „Hauch“ in dem neuen Roman von

Hermann Stahl: „Tage der Schlehen“; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 268 S., 14,80 DM.

Mit dem geübten Auge des Malers, mit sicherem Farbensinn ist die Landschaft – an einen See in Süddeutschland – ins Kolorit und die Stimmung des Schlehenmonats September gebannt. Am reinsten jedoch strahlt Stahls Sensitivität in den Figuren auf. Ihnen allen hat Stahl ihren Tonfall, ihren Sprachschatz, ihre Manier zu argumentieren abgelauscht, und so kann er neun von ihnen, hintereinander weg, im Selbstgespräch den Roman erzählen lassen – in Monologen, die, sämtlich auf dieselbe Nachmittagsstunde bezogen, zwar das Individuelle ausprägen, zugleich aber erinnernd rückliegendes Geschehen hereinholen.

Der zehnten Hauptfigur hat Stahl die Redefreiheit, sich auszusprechen, nicht zugestanden. Denn wer so mittelmäßig, so plump, so kläglich mordet wie dieser einstige „Goldfasan“, der einen Schwarzhändler gekillt und aus dessen Brieftasche das Kapital zum Erwerb eines Kinos bezogen hat, kann schlechterdings nur Randerscheinung sein. Ein Nachtmahr-Schatten allenfalls, wie er hier in den Monologen der Ehefrau, der Tochter, des Kriegs- und Nachkriegsfreundes der Frau und seines früheren Helfershelfers herumspukt.