Von Kurt Döring

Die meisten Arbeitnehmer leben nicht schlecht, stellte unser Autor in der ersten Folge seiner Artikelserie fest, die sich mit der Frage beschäftigt, ob und wieweit wir es hinter der Fassade des äußeren Lebensstandards bereits auch zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Zwar sind die Schulden in den letzten Jahren größer geworden, andererseits haben aber die Sparguthaben mit 45 Mrd. Mark eine Rekordhöhe erreicht. Wie steht es nun mit anderen Sparten der Vermögensbildung, dem Haus- und Wertpapierbesitz, den Versicherungen?

Der Regierungsdirektor einer Oberfinanzdirektion besuchte in diesem Sommer einen Schulfreund in seinem Heimatdorf. Vor 45 Jahren gingen beide Männer hier zur Schule, der eine wurde Ingenieur und Bauunternehmer, der andere ging nach seinem Jurastudium als Assessor in die Staatsverwaltung. Der Bauunternehmer hat heute ein stattliches Baugeschäft und fünf eigene Häuser.

Als beide die Baustelle einer Siedlung besuchten, meinte der Regierungsdirektor: „Ich glaube, du kannst zufriedener auf dein Leben zurückblicken als ich. Was habe ich erreicht, was gebe ich meinen Kindern weiter, außer daß sie studieren konnten? Ich habe ein kleines Auto und einen Bausparvertrag, mit dem ich nicht viel anfangen kann.“

Der Bauunternehmer wies auf das gute Einkommen des Regierungsdirektors hin, auf das gesicherte Alter und sprach von seinen eigenen mühsamen Anfangsjahren. Der Beamte entgegnete: „Weißt du, wie ich angefangen habe, 1927 als Assessor? Mit 120 Mark im Monat. Aber ich bin gar nicht neidisch. Dein Leben wäre auch nichts für mich. Ich will nur darauf hinaus, daß es heute für einen Beamten schwierig ist, zu Vermögen zu kommen.“

Der Regierungsdirektor staunte dann allerdings, daß die meisten der Siedlungshäuser demnächst Arbeitern gehören werden. „Wie machen die Leute das bloß? Ich will schon seit zehn Jahren bauen, komme und komme aber nicht weiter.“ Wenn er in seiner Stadt in leidlicher Wohngegend ein bescheidenes Haus bauen wolle, dann koste das gut und gern 80 000 Mark. Das würde ihn trotz Bausparvertrag mit 60 000 Mark Schulden belasten, die monatlich nur an Zinsen über 300 Mark kosten.

Es ist nicht zu übersehen, daß die Wohlhabenheit vieler Geschäftsleute auf der einen Seite und der Aufstieg der Arbeiter anderseits in anderen Schichten der Bevölkerung Unbehagen und auch Unzufriedenheit ausgelöst hat.