AdF, Rom, im Dezember

Der Erzbischof von Canterbury und Primas von England, Dr. Geoffrey Fisher hatte bei seinem Besuch im Vatikan am 2. Dezember das Oberhaupt der katholischen Kirche mit den Worten begrüßt: „Eure Heiligkeit, wir machen hier Geschichte.“ Ob der Primas von England damit recht hatte, wird erst das geplante ökumenische Konzil, das zweite „Vaticanum“ zeigen, die Versammlung der Kardinäle und katholischen Bischöfe aus aller Welt. Etwa 3000 bis 4000 Geistliche werden an diesem Konzil, das frühestens zu Pfingsten 1962 stattfinden soll, teilnehmen. Für die Vorbereitung dieses Konzils aber hat das einstündige herzliche Gespräch in der Privatbibliothek des Papstes, der „holy summit“, wie es britische Journalisten bezeichneten, zweifellos ein günstiges Klima geschaffen.

Johannes XXIII. hat dem 21. Konzil der Kirchengeschichte eine klare Aufgabe gestellt. Nach den Worten des Papstes soll das zweite Vaticanum „die Substanz des christlichen Denkens wieder in Geltung setzen, die katholische Kirche erneuern und ihr noch mehr Glanz und geistige Schönheit verleihen“. Nur auf diesem Wege kann nach Meinung des Papstes eine spätere Annäherung anderen christlichen Gemeinschaften erleichtert werden.

Mehr kann zunächst auch weder von Johannes XXIII. noch von Dr. Fisher und den Führern anderer christlicher Kirchen erwartet werden. Die Hauptsache ist vorerst der ehrliche Wille zu einer positiven Koexistenz in der christlichen Wahrheit. Und wenn man bedenkt, daß 400 Jahre nach der von König Heinrich VIII. erzwungenen Trennung der anglikanischen Kirche von Rom vergehen mußten, bevor der höchste Priester der anglikanischen Schismatiker mit dem Papst von Angesicht zu Angesicht sprechen konnte, so ist das bisher Erreichte nicht hoch genug einzuschätzen.

Im Gegensatz zu früheren Konzilien, die sich vorwiegend mit der Abwehr religiöser Abweichungen von der katholischen Lehre befaßten und das Dogma verteidigten, wird das geplante zweite Vaticanum – das kann man schon jetzt sagen – eines der wichtigsten Ereignisse des Jahrhunderts für die ganze Christenheit sein. Praktisch hat es schon begonnen. Denn vor der Versammlung der Konzilsväter muß das „schriftliche“ Konzil absolviert werden. Zehn Kommissionen sollen aus den Antworten der Bischöfe und Theologen auf die von Kardinalstaatssekretär Tardini gestellten Fragen sowie aus der Fülle der Themenvorschläge die wichtigsten herausdestillieren. Die endgültige Auswahl der Probleme trifft eine vom Papst selber geleitete Zentralkommission. Ihr Generalsekretär ist der relativ junge römische Titularerzbischof Felice, mit dem klassischen Vornamen Perikles, dem viele eine große Karriere voraussagen.

Die Kommissionsberatungen sind geheim. Ein besonderes Sekretariat unter der Leitung des einzigen deutschen Kurienkardinals Augustin Ben (S. J.) soll zu gegebener Zeit auch die anderen christlichen Kirchen unterrichten. Kardinal Bea ist ein Bibelforscher von internationalem Ruf und ein hervorragender Kenner des Protestantismus.