Weihnachten ist ein Fest der hohen Wohnkultur geworden. Alle Jahre wieder und alle Jahre mehr. Überall wird den Illustriertenlesern empfohlen, Stiche und Sessel, Kamine und nette kleine Barockmadonnen zu verschenken, jeder bessere Antiquitätenladen verdoppelt ab Oktober seine Preise und rät den Kunden zu garantiert echten Meßgewändern als Fernsehtruhenbehang. Avantgardisten dagegen preisen Skandinavisches. Aber was ist sein Geld wert? Was hebt das Prestige? Wie gut, daß man sich bei mangelndem Stilgefühl in Wohnfibeln Rat holen kann, zum Beispiel in dieser:

„Das schöne Zuhause“; Schuler Verlagsgesellschaft, Stuttgart; 204 S., 48,– DM.

Der Klappentext enthüllt schon, daß es beim angepriesenen „individuellen Heimgestalten“ weniger darauf ankommt, was man hat, als vielmehr, wie man es an den Mann bringt. Es heißt dort: „Das bisher unveröffentlichte Bildmaterial stammt aus vielen europäischen und überseeischen Ländern.“ Es stammt vor allem aus einem im gleichen Verlag vor Jahren erschienenen Hausfrauenbuch, aus ebenso alten Illustrierten, aus den Katalogen und Werbemappen großer deutscher und ausländischer Firmen. Warum sollte man nun nicht die Schaufenster bestimmter Einrichtungshäuser als Wohnzimmer oder den Verkaufsraum eines Hamburger Modesalons als „apartes Damenzimmer“ deklarieren, wenn man sie schön und beispielhaft findet? Man müßte dann freilich darauf verzichten, von „wirklich 1000 neuen Ideen“ und „unveröffentlichtem Bildmaterial“ zu sprechen.

Der echte Wohn-Fan blickt über solche kleinen Schönheitsfehler großzügig hinweg. Er lauscht ergriffen der „Raumpsychologin“, die sich im Vorwort vernehmen läßt: „Es gilt, den Raum zu gestalten, der die Komponente aus Form und Farbe ist. Form und Farbe sind die Elemente der Raumgestaltung.“ Die Komponente! Und der Wohn-Snob weiß, daß lapidare Wohn-Wahrheiten zeitlos sind wie gepflegte Stilmöbel: „Mittelpunkt all dessen, was wir Wohnen nennen – der Name sagt es schon –, ist seit jeher der Wohnraum.“ Päng, das sitzt! Er erschauert bei dem warnenden Satz: „Dennoch ist gerade das Schlafzimmer häufig in Gefahr, im Unpersönlichen zu erstarren.“ Er versteht auch den tieferen Sinn solcher Feststellungen: „Die Garconniere muß eine geschickte und doch ästhetisch einleuchtende Lösung dafür finden, daß im gleichen Raum geschlafen, gegessen, gearbeitet und gefeiert wird ...“ Und er wird sich verzweifelt an den Kopf fassen, weil er nicht selbst auf die Idee kam: „Sammelstücke illustrieren und charakterisieren ... unser Heim. Wo finden wir sie? Haben wir uns... einmal in unseren vier Wänden selbst umgeschaut? Ist da nicht... ein wertvoller Gobelin, eine bemalte Holzplastik: irgendein Ding, das allein seines Alters wegen wert wäre,... in den Blickpunkt unseres häuslichen Lebens gerückt zu werden?“

Nun, jetzt weiß er sich Blickpunkte zu schaffen, wird auch künftig das fachgemäße Vokabularium flüssiger benutzen können und von der „Bestuhlung“ eines Zimmers sprechen, von „Farbgebung von pointierter Frische“ und, wenn ihm sonst nichts einfällt, von einem „Air gepflegter Wohnkultur“. Des Bürgers protzige Polsterfülle wird er gehorsam „repräsentativ“ nennen, und wie selbstverständlich weist er auf „die Weichheit eines sympathischen Türbogens“ hin.

Vor allem aber lehrt ihn dies Bilderbuch, daß das Wohnen kein Spaß ist. Ernst ist die Kunst des Wohnens, dafür findet sie in vornehmsten Kreisen statt. Der Verlag bedankt sich zum Schluß bei den „Wohnungsinhabern, die unsern Photographen die Möglichkeit gaben, die Aufnahmen zu machen“. Und da steht zwischen Freiherren und Fürstinnen, Einrichtungshäusern und Fußbodenbelagherstellern auch der Name eines gewissen El Greco, Toledo. Er kann sich nicht mehr wehren. sy