Von Ludwig Marcuse

Nun ist nach Emma Bovary auch Connie Chatterley freigesprochen. Der Freispruch hat auch den Nutzen, daß man nicht mehr gegen den Zensor zu lesen braucht, was immer das Urteil fälscht.

Sie ist leider sehr erfolgreich, sie ist auf dem besten Wege, die Lolita von 1960 zu werden. Gestern hieß es in England noch: 1 500 000; heute schon kann das überholt sein. Die arme Chatterley! Nachdem sie glücklich die amtliche Gouvernante losgeworden, wird sie durch die Sensation des Prozesses, nämlich das Verdikt: Sie ist ein tugendhaftes Weib, und durch den Ansturm der Massen, die sie kennenlernen wollen, abermals in ein schlechtes Licht gebracht. Die Feinsten finden sie nicht mehr unanständig, sondern öde; nicht mehr gewagt, sondern Blubo. Arme, arme Lady!

Ich las das Ungekürzte vor einem Jahr, in der amerikanischen Taschenbuchausgabe 1959 – lange vor dem Prozeß und vor dem deutschen Siegeszug –

D. H. Lawrence: „Lady Chatterley“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 458 S., 22,– DM.

Ich war damals unvoreingenommen. Heute, in der veränderten Situation, komme ich mir vor, als habe ich die Marlitt zu verteidigen. Dennoch muß ich aufschreiben, wie mir die Dame gefallen hat, als ich sie zum erstenmal im Evaskostüm erblickte.

Ich wage es kaum zu sagen: sehr! Voller Enthusiasmus habe ich kleine elektrische Schläge verspürt – elektrisiert von ihres Schöpfers Verliebtsein ins Lieben. Lawrences Leidenschaft für die Umarmung, in der viel mehr umarmt wird, als der sensibelste Leib tasten, fassen, greifen, packen kann, übertrug sich; mir scheint, das Herz des Romans schlägt in den heißesten Stunden – und nur hier. Mir scheint, daß die Urlaute dieses Außersichseins einfach dazugehören; in der irdischen unio, die sie artikulieren, sind distanzierendere Sprachen ärmliche Übersetzungen.