München

Der Staatsanwalt beantragte fünf Monate Gefängnis mit Bewährungsfrist, und wenig später verkündete das Münchner Landgericht genau diese Strafe. Verurteilt wurde der in München lebende Schriftsteller Dr. jur. Michael Graf Soltikow, weil er das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft hatte.

Der Verstorbene, Legationssekretär Ernst vom Rath, war am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft zu Paris von dem damals 17jährigen Herschel Grünspan erschossen worden. Weil Grünspan als Werkzeug des internationalen Judentums durch seine Tat den Krieg entfesseln sollte, behaupteten die Nationalsozialisten. Soltikow dagegen verbreitete 1952 die These, zwischen den beiden habe ein homosexuelles Verhältnis bestanden und der Legationssekretär sei seinen aus diesen Beziehungen resultierenden Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen.

Die Nationalsozialisten ließen von ihrer These verhältnismäßig schnell ab. Trotz emsiger Bemühungen gelang es ihnen nicht, Verbindungen zwischen Grünspan und seinen angeblichen „Hintermännern“ festzustellen. So wurde der Schauprozeß, in dem Grünspan stellvertretend für das internationale Judentum auf der Anklagebank sitzen sollte, aufgeschoben – und von der Entwicklung aufgehoben. Graf Soltikow hingegen hält noch heute an seiner Theorie, die er in einem Unterhaltungsblatt publizierte, fest.

Für Graf Soltikow bot der Prozeß die Gelegenheit zu einem großen Auftritt, und es lag an ihm, daß die Verhandlung mitunter auf ein merkwürdiges Niveau abrutschte. Pathetisch bat der Angeklagte um Polizeischutz, weil er sein Leben bedroht fühlte. Obwohl selbst Jurist, setzte er sich wiederholt über Grundregeln der Strafprozeßordnung hinweg, beleidigte das Gericht gröblich („... der Zeuge war ein Gegner des Dritten Reichs und ist hier trotzdem glaubwürdig ...?“) und gab Fabeln zum besten, die alsbald widerlegt wurden. Was Soltikow über sein Verhältnis zu Admiral Canaris („... er persönlich beauftragte mich, den Mord an vom Rath zu untersuchen“) und Oberst Oster („... es gelang mir, Oster als Verräter zu ermitteln ... ich hatte ihn in der Hand, lieferte ihn aber nicht ans Messer“) zum besten gab, veranlaßte schließlich den Zeugen Hans Berndt Gisevius zu der trockenen Bemerkung: „Soltikow war in ganz untergeordneter Stellung bei der Abwehr tätig und mit Agentenaufträgen betraut, die vollwertige Mitglieder der Abwehr nicht auf sich genommen hätten.“

Die von Soltikow mehrfach angekündigte Sensation des Prozesses, der Auftritt nämlich von Herschel Grünspan selbst, blieb aus. Über die Motive des Attentäters konnten die Richter somit nur eine Reihe mehr oder minder sehr am Rande beteiligter Zeugen vernehmen, die einander oft widersprachen. Aus ihren Aussagen schälte sich immerhin folgender Ablauf heraus:

Der französischen Polizei hatte Grünspan zunächst erklärt, er habe aus politischen Gründen gehandelt: mit den Schüssen auf Ernst vom Rath habe er die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das Schicksal seiner von den Deutschen drangsalierten Eltern und auf das Leiden aller in Deutschland befindlichen Juden lenken wollen.