Das Ost-West-Schema ist zu eng für die Realität von 1961

Von Marion Gräfin Dönhoff

Vor zwei Jahren – auch damals stand gerade ein Jahreswechsel bevor – sagte ein Diplomat alter Schule, als wir über die ZEIT sprachen: "Die ZEIT hat nur einen Fehler, sie ist zu unpolitisch."

Zu unpolitisch? Was könnte gemeint sein? Vielleicht zuwenig Politik – zuviel Wirtschaft, Feuilleton, Bilder? Oder vielleicht innerhalb der politischen Sparte die Politik nicht konzentriert, nicht akademisch genug, gleichsam zu "feuilletonistisch"? Der Betreffende, ein keineswegs unbekannter Mann, gab selbst die Antwort: "Bei euch ist zuviel von Asiaten, Afrikanern und allen möglichen Farbigen die Rede und zuwenig von Berlin, der Wiedervereinigung und unserer Ostpolitik."

Zwischen jener Unterhaltung und heute liegt das Jahr 1960 – das Jahr Afrikas, wie es oft und nicht zu Unrecht genannt worden ist. Ein Jahr, in dem 16 afrikanische Staaten unabhängig geworden sind, in dem wir unzählige Namen haben lernen müssen, die wir nie zuvor gehört hatten und die nun plötzlich die Spalten der Presse füllten: Modibo Keita, Mamadou Dia, Tschombe, Kaunda, Banda, Nyerere, Sobukwe ... Ja, nicht einmal die Hauptstädte dieser zum Teil riesigen Gebiete waren uns bisher bekannt: Bamako, Conakry, Niamey, Ouagadoujou, Blantyre – Hand aufs Herz: wer kam Namen vor zwölf Monaten? Ein Jahr dem sozusagen vor unseren Augen aus. dem kel der politischen Urschöpfung ein ganzer Kontinent aufgetaucht ist.

Man bedenke: In einer Welt, in der seit vielen Jahren um jeden Fußbreit Bodens gekämpft wird (um den Status quo des 38. Breitengrades ist in Korea ein lokal begrenzter Weltkrieg geführt worden), in einer Welt, in der individuelle Gehirnwäsche betrieben und um jede Seele ideologisch gerungen wird (westliche Abwehrdienste schätzen die jährlichen Ausgaben der Ostblockstaaten für Propaganda und Spionage auf acht bis zehn Milliarden Mark), in dieser Welt also sind auf einmal Millionen von Menschen, die bisher politisch nicht existierten, ins Spiel gekommen – Leute, die sich an die alten Spielregeln nicht halten.

Man kann also kaum, wie jener Kritiker meinte, zu viele Gedanken auf "die Farbigen" verschwenden. Denn ob sie ihr Gewicht einem der beiden Blöcke zufügen oder für sich bleiben, davon hängt für uns alle sehr viel, wenn nicht alles ab. Die klassischen Zeiten, da nur das, was Europa beschäftigte, "Politik" war und alles andere in die Kategorie "Völkerkunde" gehörte, sind längst vorbei; auch wenn manche, die ihr eigenes Land für den Mittelpunkt der Welt halten, dies noch nicht gemerkt haben. Es ist gewiß nicht erfreulich, aber es ist so: Inkompetente, der Spielregeln Unkundige sind das Zünglein an der Waage unseres Schicksals.