Susanne ist acht, zweite Klasse, und so vertrauensvoll, wie sich das in ihrem Alter gehört. Der Tod des greisen Vaters der Werktätigen hatte sie sichtlich erschüttert. „Wer paßt denn nun auf“, fragte sie betrübt, als sie aus der Schule nach Hause kam, „wer paßt denn nun auf, daß es keinen Krieg gibt? Die da drüben im Westen haben ja alle Bomben und freuen sich, daß Pieck tot ist, – wir freuen uns aber auch, wenn einer von ihnen stirbt.“

Ja, dies ist einer der wirkungsvollsten Kunstgriffe im Repertoire der Diktaturen: der Appell an die guten Instinkte, an Friedfertigkeit, Mitleid – verbunden mit einer Verdrehung der Tatsachen. Susannes Reaktion war nur zu verständlich, wird sie doch täglich mit Lesestücken wie diesem traktiert, entnommen einem DDR-Lesebuch für das zweite Grundschuljahr:

„Mein Name ist Jack – Ich bin ein amerikanischer Negerjunge und habe sieben Geschwister. Unser Vater ist ein armer Farmer. Im Stall hinter unserem Haus stehen ein altes Pferd und eine magere Kuh.

Das Land, das wir besitzen, muß Mutter allein bearbeiten. Sie pflügt, sie legt den Mais in die Erde. Mutter erntet sogar allein. Gern würden wir Kinder unserer Mutter helfen. Aber wenn wir sechs Jahre alt sind, müssen wir schon morgens um vier Uhr mit dem Vater auf die Baumwollfelder gehen. Sie gehören dem weißen Herrn. Meine Geschwister pflücken dort fast soviel Baumwolle wie die erwachsenen Männer, doch bekommen sie nur ganz wenig Lohn dafür. Müde kehren wir abends um neun Uhr heim.

Wir freuen uns, wenn wir einmal in die Schule gehen können. Aber bei uns baut die Regierung keine Schulen für die armen Negerkinder. Deshalb sammelten unsere Eltern Geld für eine Schule. Es ist ein einfaches, kleines Holzhaus.

Jedes Negerkind kann nur kurze Zeit zur Schule gehen. Ich wechsele mich mit meiner Schwester ab. Einer von uns beiden muß immer Baumwolle pflücken.

Die Kinder der Reichen haben es viel besser. Sie fahren in Autobussen in ihre großen schönen Schulen. Oft verhöhnen sie uns, und niemand verbietet es ihnen.