W. G., Saarbrücken, Ende Dezember

Früher hatten wir Butter auf der Fensterbank, heute haben wir Margarine im Kühlschrank“ – witzeln die Saarländer über die Folgen der wirtschaftlichen Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik. Für den Verbraucher stellt es sich so dar: Lebensmittel wurden im Durchschnitt teurer (also Margarine statt Butter), die technischen Geräte sind billiger geworden (also Kühlschrank statt Fensterbrett als Vorratsplatz). Die mancherorts vorausgesagte Katastrophe ist jedoch ausgeblieben, nicht zuletzt, weil das Saarland durch die Zollvereinbarungen mit Frankreich eine Art Experimentierfeld für die Probleme des gemeinsamen Marktes geworden ist.

So ist die Saarwirtschaft eineinhalb Jahre nach der Eingliederung nach wie vor vollbeschäftigt, Produktion und Absatz sind befriedigend, die Löhne und Gehälter entsprechen denen in der Bundesrepublik. Ohne die zollfreien Lieferungen nach Frankreich wäre dies freilich nicht möglich, da während der faktischen Zugehörigkeit der Saar zu Frankreich Produktionskapazitäten errichtet wurden, die völlig auf den französischen Markt eingerichtet sind und im Bundesgebiet oder im Welthandel wenig Absatzchancen haben.

Ein Beispiel hierfür ist die verarbeitende Eisen- und Metallindustrie, die vor dem „Tag X“ 40 vom Hundert ihrer Produktion in Frankreich absetzte. Noch stärker haben sich Maschinenbau, Stahlverformung und keramische Industrie auf dem französischen Markt engagiert.

Dennoch, nach der Eingliederung sind die Lieferungen nach Frankreich schlagartig zurückgegangen (siehe Tabelle), da aus dem französisch-saarländischen Binnenhandel ein kompliziertes und kostspieliges Außenhandelsgeschäft geworden ist, das manche Exporteure und Importeure abschreckt. Es kommt hinzu, daß die festgelegten zollfreien Kontingente längst nicht mehr dem wirklichen Bedarf des Wirtschaftsaustausches entsprechen. Die saarländische Wirtschaft hat daher schon gefordert, daß die Kontingente untereinander austauschbar sein müßten. Das gleiche gilt für die zollfreien Gegenlieferungen der Franzosen ins Saarland, die ihre Kontingente im ersten Jahr nach der Eingliederung sogar nur zu 51 vH ausnutzten, während die saarländischen Lieferungen nach Frankreich immerhin 62 vH der Liste ausmachten.

Aber noch immer ist das Saarland mit einem Jahresverbrauch französischer Erzeugnisse von annähernd 1100 DM je Einwohner der relativ bedeutendste Abnehmer Frankreichs, und Paris ist gewillt, die Handelsbeziehungen weiter zu verbessern. Auch Professor Erhard hat kürzlich in Saarbrücken ausdrücklich versichert, daß die beiden Regierungen alle Schwierigkeiten im beiderseitigen Warenaustausch ausräumen wollen. Bei Verhandlungen des gemischten Regierungsausschusses in Paris wurde als erstes vereinbart, die nach dem Saarvertrag mögliche Kürzungsklausel wegen Nichtausnutzung der Kontingente zunächst nicht anzuwenden. Auch wollen beide Seiten künftig bei gutgefragten Waren Kontingentsüberschreitungen zulassen. Die Saarwirtschaft hat dies mit großer Befriedigung aufgenommen.