New York, im Dezember

Exodus“ ist die Geschichte von der Geburt des jüdischen Staates in Palästina. Als Kinostück, dem schwerfälligen Roman von Leon Uris nacherzählt, ist die Geschichte so ungefähr alles, was von einem ehrenwerten, sehenswerten Film gefordert werden kann. Sie ist monumental, überwältigend, niederschmetternd, erhebend, und ich könnte, um die Sache zu bezeichnen, noch ein Dutzend aufregender Adjektive durch die Schreibmaschine jagen. Der lange Film (über dreieinhalb Stunden) hat Spannungen, Massenszenen, Riesenbilder, Abenteuer, Tragödie, einen Schuß Romantik, ein Stück Liebesgeschichte. Nichts ist klein an diesem Film von der Erfüllung eines Traums in einem Jahrhundert, das so viele Träume zerstört hat. Alles ist groß, riesengroß, in Farben und auf breiter Leinwand. Aber, merkwürdig, die Größe ist nicht da; die Größe künstlerischer Durchdringung, menschlicher Erfüllung.

Jeder Film, der wie dieser das Dokumentarische mit Fiktivem mischt, läßt sich auf ein großes Risiko ein. Vor dem bestürzenden Gesicht des tatsächlich Geschehenen, auch wenn nur rekonstruiert, verblassen selbst die listigsten Zwischenspiele der Erfindung. Otto Preminger, Produzent und Regisseur von „Exodus“ (wie von den Riesenleinwandfilmen „Carmen Jones“ und „Porgy and Bess“) ist ein Kinopraktikant mit Unternehmungslust und handwerklicher Pfiffigkeit, dem das Haus diesmal etwas über den Kopf gewachsen ist. Nach der Galapremiere haben ihm die New Yorker Rezensenten mit respektvollen Komplimenten am Ende doch nur bescheinigen können, daß sein nobler Film nicht das volle Maß erreicht.

Tatsächlich ist der Film eine Kette von Fragmenten, ohne festen Standpunkt, ohne bindende Kraft. Manche der Fragmente sind Glanzstücke filmhafter Fertigkeit, und vielleicht schadet es dem ganzen Film mehr, als es ihm nutzt, daß er gleich mit einem solchen Glanzstück ins Rollen kommt. Es beginnt auf Zypern. Die Flüchtlinge aus Hitlers Konzentrationslagern, den Gaskammern glücklich entkommen, warten auf die Abfahrt nach Haifa. Ein Held der jüdischen Untergrundbewegung hat sie an Bord der „Exodus“ geschmuggelt, eines elenden Frachters draußen im Hafen. Die Engländer, Treuhänder des Mandats über Palästina, verweigern die Erlaubnis zur Ausfahrt; Rücksicht auf die feindliche Haltung der Araber. Da entschließen sich die Passagiere der „Exodus“ zur Kampfansage: Hungerstreik und Drohung, das Schiff in die Luft zu sprengen, sollten britische Soldaten versuchen, an Bord zu kommen. Die britischen Autoritäten stehen vor einem Dilemma. Verhandlungen, telephonische Gespräche mit London, weltpolitische Erwägungen; Zögern, bis endlich die Blockade aufgehoben wird. Die „Exodus“ kann aufs freie Meer hinaussegeln, Richtung Palästina.

Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, wie lange dieser Abschnitt des Films dauert – vielleicht eine Stunde, vielleicht etwas mehr –, aber hier herrscht, drängend und gedrängt, der lebendige Atem großen Dramas. Hier, in der Spiegelung der Gesichte, spielen die unheimlichen Kräfte, die aus Schmach und Unterdrückung den Weg zu Sehnsucht und Hoffnung suchen. Die Ausfahrt der „Exodus“ wäre ein triumphales Finale gewesen, ein Signal menschlicher Erfüllung.

Aber der Film geht viel zu lange weiter. Er verschwimmt in so kinohaften Klischees wie den romantischen Machenschaften der amerikanischen Krankenschwester, die von Eva Maria Saint mit Noblesse gespielt wird. Die Konturen der Gestalten verblassen. Den Helden der jüdischen Untergrundbewegung personifiziert Paul Newman etwas zu glatt. Aus der Masse der Figuren löst sich, von Sal Mineo überzeugend profiliert, die Gestalt eines jungen jüdischen Flüchtlings, der sich den terroristischen Extremisten der Irgun-Bewegung anschließt: ein ruheloses, dunkles Menschenkind, das seinen Fanatismus in der Schule bitterer Erfahrung gelernt hat. Einmal noch wird die brennende Intensität und Aufrichtigkeit der ersten Stunde erreicht. Das geschieht bei der Befreiung der zum Tode verurteilten Terroristen aus ihren britischen Gefängniszellen, einer dramatischen Szene voller Leidenschaft. Dann wieder, kurz vor der letzten Abbiendung, hält Newman am Grabe eines jüdischen Mädchens und eines sympathisierenden Araberfürsten eine Versöhnungsrede, redlich in der Absicht, aber störend in ihrer plakathaften Einfalt.

Der Film wird trotzdem seinen Weg machen. Es bleibt ein wichtiges Thema, auch wenn es nur halb bewältigt ist. Eric Burger