Von Max Rye

Vor vier Jahren sind in Zürich die Erinnerungen – Aus meinem Leben – des theoretischen und praktizierenden Finanzmannes Felix Somary erschienen, heute liegt Toni Stolpers Biographie ihres Gatten Gustav Stolper vor, eines Volkswirtschafters, Generationsgenossen Somarys, Wieners und Juden und einer hervorragenden Begabung wie dieser –

Toni Stolper: „Ein Leben im Brennpunkt unserer Zeit – Gustav Stolper“; Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen; 504 S., 28,50 DM.

Somary und Stolper kannten sich, waren miteinander und mit Joseph Schumpeter, ihrem Landsmann und Akademiker ihres Faches, befreundet; alle drei gingen nach dem Ersten Weltkrieg aus Österreich weg. Somary hat die drei in einem Brief an Stolper so charakterisiert: „Schumpeter, Sie und ich haben so ganz verschiedene Qualitäten: Schumpeter ist der scharfsinnige Theoretiker, Sie kennen mehr die Details der heutigen Wirtschaft, aber ich bilde mir ein, das Morgen klarer zu sehen und danach zu handeln.“

Drei Österreicher, nach Herkunft verschieden, nach Bildung und Interessen einander nahe, im Zeitgefühl verwandt, herüberkommend aus dem großen Menschenschatzhaus der Donaumonarchie in den Westen. An deren Untergang, wo die Sieger von 1918 weit über ihr Format hinaus Schicksal spielten, haben sie gelitten; schon als junger, rasch nach oben sich bewegender Mann hatte Stolper erkannt, daß nicht die Türkei, sondern Österreich-Ungarn der wahre Besiegte der Balkankriege 1912/13 war. Im Weltkrieg 1914 wird er Mitherausgeber des Österreichischen Volkswirt, ein Organ großen Ansehens, aber zu geringer Wirkung, ein Spürorgan auch für die politisch-wirtschaftlichen Lebensregungen des Vielvölkerstaates, der eben noch gehalten wurde durch die hierarchischen Ordnungen der Armee, der Kirche, der Verwaltung. Eine der funkelnden Hauptstädte dieser Erde, Wien, war fast auf allen Gebieten etwas mehr gewesen, als sie von sich hermachte. Dann die Auflösung nach der Niederlage, der einstimmige Beschluß des österreichischen Nationalrates vom 11. November 1918: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“ Das war die klare Bekundung des Willens zum Anschluß ans Deutsche Reich: am Tage selbst starb Victor Adler, der Außenminister. Stolper litt unter dem Verbot des Anschlusses, das er ein Unrecht nannte, wie man es den Nachfolgestaaten niemals zumutete, überzeugt, daß das, was „Rumpfösterreich“ genannt wurde, eines ganzen Lebens nicht fähig sein werde. Er hatte Deutschland kennengelernt, er war fasziniert von dem produktiven Zug, der durch das Land ging, von den zahlreichen und qualitativ höheren Möglichkeiten, die mehr und die besten von seinen Anlagen zur Entwicklung bringen würden. Das hätte ihm zwar nicht genügt, die Begegnung mit Friedrich Naumann – „der größte deutsche Redner“... „der herrlichste deutsche Mensch“ –, dann, in dessen Kreis, die mit Theodor Heuss, bald sein naher Freund, haben vorhandene Neigungen bestärkt; für ihn war das Reich vom Geiste her auch Heimat.

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In Toni Stolpers Buch tritt bei aller Sachnähe der Sprache ein Phänomen wunderbar in Erscheinung, das zu betrachten und zu ermessen tief traurig macht: die Liebe so vieler, und darunter so bedeutender Juden zu Deutschland. Stolper gehörte zu ihnen, es wird nicht vertuscht: die Musik (Wagner!), die Wissenschaft, die einem die vernünftig erfaßbaren Regionen der Welt erschloß, die Sprache und ihre Offenbarung, wie sehr man ihr zugeboren war – wie viele Befreiungen wurden da erlebt, welche Hoffnungen ohne abgesteckte Grenzen gehörten da zum Element jeden Tages, wenn man von positivem Willen so mächtig angetrieben wird wie dieser Mann! Ihm waren die beiden arisch-bürgerlichen Parteien Österreichs verschlossen, und „zur Sozialdemokratie vermochte er, in seinem Wesen und Geist in der bürgerlichen Welt eingebannt, den Weg nicht zu finden“. So schrieb Julius Braunthal, ein führender österreichischer Sozialist, in einem Artikel, der Stolpers Übersiedlung nach Berlin begründend rechtfertigt. Die Heimat wußte mit vielen ihrer Fähigsten nichts anzufangen, was ihren Leistungswillen mit Freude beflügelt hätte, anderseits drängte eine überall einsetzbare Begabung an die Stelle größter Entfaltungsmöglichkeiten. Berlin lockte mit größeren Freiheiten, rassischer Vorurteilslosigkeit (1925!), größerem Einfluß, größeren Erfolgen. „In Wahrheit ist der deutsche Wirtschaftsapparat von schlechthin praktisch unbegrenzter Leistungsfähigkeit“, schrieb er, der Nationalökonom; die stürmische deutsche Bewegtheit jener vielversprechenden zwanziger Jahre erfaßte auch ihn, ihre Wirbel sogen Menschen von allen Seiten heran, die Tätigsten zuerst.