Kap Canaveral: Zwischen Sand und Sumpf liegt der "Bahnhof zum Weltall"

Von Theo Sommer

Ringsum ist tropische Wildnis. Tote Teiche, moosige Augen; verfaulte Gewässer. Eine Wüstenei aus Sumpf und Sand – Mangroven, Farne, Krüppelkiefern, Luftwurzeln, Lianengeschling. Unwillkürlich forscht der Blick nach Schlangen und Alligatoren in dieser Urlandschaft von Florida. Dann ein paar Flüsse, zwei Meeresarme, schließlich das Kap selber: Palmetto-Gehölz, Ginster, Sand. Das ist Kap Canaveral, eine schmale, ins Meer hinausgeschobene Landzunge, eine Düne fast nur – der Raketenversuchsstand der Vereinigten Staaten.

"Vor zehn Jahren war das hier noch ein verschlafenes, gottverlassenes Nest", sagte der junge Luftwaffenleutnant, der mich vom Patrick-Fliegerhorst hinauffuhr zum Kap. "Das hier" – damit meinte er Cocoa, Rockledge und Cocoa Beach, drei Ortschaften, die er mir gerade gezeigt hatte. Zusammen zählten sie 1950 knapp 7500 Einwohner; heute sind es über 25 000. Und es schießen noch immer neue Häuser aus dem sandigen Boden; immer mehr vergrößert sich die Kolonie der Zugereisten: der Raketentechniker und Ingenieure, der Offiziere, Mathematiker und Elektronen-Fachleute. Zehntausend arbeiten auf dem Kap. Die Schüler der neuen High School sollen von allen amerikanischen Oberschulen den höchsten Durchschnitts-IQ haben, so heißt es. Und es ist jedenfalls Tatsache, daß einige von ihnen ihre ersten Patente anmeldeten, noch ehe sie ihr Abitur in der Tasche hatten ...

Es begann mit einer V-2

"Wenn je ein Ort einen raketengleichen Aufstieg erlebt hat, dann Cocoa", sagt der Leutnant wieder. "Und zwar im ganz buchstäblichen Sinne: der Boom begann hier mit dem ersten Abschuß einer Rakete auf dem Versuchsgelände von Kap Canaveral. Das war am 24. Juli 1950, als eine Army-Crew unter Wernher von Braun eine deutsche V–2 abfeuerte, die eine amerikanische WAC-Corporal-Rakete huckepack trug."

Seitdem ist es mit Cocoa aufwärts gegangen. In den letzten sechs Jahren haben sich dort die Grundstückspreise verdoppelt. In Cocoa Beach haben sie sich gar versiebenfacht: Dort ist ein neues Fremdenverkehrszentrum im Werden, nagelneue Motels sind auf der schmalen Düne zwischen Bananenfluß und Atlantik entstanden. Sie heißen Satellite, Vanguard, Starlite, Astrocraft, Sea Missile, Polaris.