Adenauer und seine Mannschaft vor dem Wahlkampfjahr 1961 /

Von Rolf Zundel

Ob Sonnenschein, ob Regenschauer, das deutsche Volk wählt Adenauer". – So reimten die Wahlkampfpoeten der CDU im Jahre 1957. Die Partei stand ganz im Schatten ihres Spitzenkandidaten. Aber auch heute – neun Monate vor der nächsten Bundestagswahl – ist die CDU im Bewußtsein der Bürger vor allem die Partei Konrad Adenauers. Es sind nicht nur Sozialdemokraten, die da glauben, die CDU könne nicht marschieren, wenn der 85jährige Kanzler nicht den Schritt angebe. Auch Christliche Demokraten denken mit Sorge an den Tag, da der Kanzler, seinen politischen Griff lockern und Rosen in Rhöndorf züchten wird. Und manche sorgen sich auch, was wohl geschehen werde, wenn Adenauer den Wahlkampf 1961 nicht mehr mit dem alten Elan führen könnte.

Wie im Hinblick auf die Außenpolitik die Frage gestellt wird, ob der Kanzler seinen persönlichen Kredit auf die Bundesrepublik zu übertragen vermochte, so läßt sich auch für die Innenpolitik fragen: Kann der Parteiführer Adenauer der CDU sein persönliches Ansehen weitergeben? Ist das überhaupt denkbar: CDU ohne Adenauer?

Psychologen haben diese Frage untersucht, und kamen zu dem Ergebnis, daß sich die Bürger die CDU ohne Adenauer kaum vorstellen können. Wie aber spiegelt sich die Partei in den Köpfen der Wähler? Die CDU, jene Partei, die das fast vollkommene Abbild der pluralistischen Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik ist, deren Bundestagsabgeordnete nur in Ausnahmefällen geschlossen abstimmen – sie gilt im Gegensatz zur SPD als einheitliche, geschlossene Partei. Für diese Einschätzung ist wohl in erster Linie die dominierende Rolle des Kanzlers ausschlaggebend. Sie wirkt außerdem wie eine alte Partei. Und das, obwohl die CDU erst 1945 gegründet wurde.

Die Leistungen der CDU werden von den Befragten, vor allem was die Außenpolitik angeht, anerkannt – auch von SPD-Wählern. Innenpolitisch ist die Situation nicht ganz so deutlich. Obwohl ein Drittel der CDU-Wähler Arbeiter sind, verbinden sich noch immer mit dem Namen CDU Begriffe wie Mittelstand, Bürger, Besitz. Einfluß, Macht, Klugheit werden mehr der CDU zugeschrieben; der SPD Leidenschaft, Hilfsbereitschaft, Biederkeit. Im ganzen indes zeigt sich, daß bei jenen, die mit der SPD sympathisieren, das politische Interesse ausgeprägter ist als bei den CDU-Anhängern.

Manche Kommentatoren haben diesen Gegensatz in die Formel gekleidet: CDU-Wählerpartei – SPD-Mitgliederpartei. Richtig daran ist, daß die SPD mit ihren 650 000 Mitgliedern (bei etwa 9,5 Millionen Wählern im Jahr 1957) eine starke Stamm-Mannschaft besitzt. Eine Mitgliederpartei ist sie deshalb. aber noch lange nicht. Die österreichische Sozialdemokratie hat ebenso viele Mitglieder, die Labour Party rechnet mit sechs Millionen die englischen Konservativen mit 2,7 Millionen) Mitgliedern. Die CDU freilich mit nur 250 000 Mitgliedern (bei 15 Millionen Wählerstimmen) ist auch für eine Wählerpartei reichlich schwach bestückt. Etwa eine Million Mitglieder wären – auch nach Ansicht führender CDU-Politiker – nötig, um eine kontinuierliche, alle Bundesbürger ansprechende Parteiarbeit zu gewährleisten.