Das Jahr begann mit dem Geist von Camp David und endete mit neuer Aggressivität

Von Wolfgang Leonhard

Für die Sowjetunion war das Jahr 1960 ein Jahr der Außenpolitik. Innenpolitische Probleme rückten in den Hintergrund, während sich die Aufmerksamkeit auf die weltpolitischen Höhepunkte konzentrierte – auf den sowjetisch-chinesischen Konflikt und den U-2-Zwischenfall, auf Chruschtschows Auftreten am Pariser Gipfel, vor den Vereinten Nationen und schließlich bei der Moskauer Tagung des Weltkommunismus. Eine Verschärfung der sowjetischen Außenpolitik dürfte das Hauptfazit des Jahres 1960 sein.

Dabei hatte das Jahr durchaus mit versöhnlichen Tönen begonnen. Zum Jahresanfang war in Moskau in riesiger Auflage eine Broschüre über Chruschtschows Amerikareise erschienen. Auf dem Titelblatt waren Chruschtschow und Eisenhower zu sehen, wie sie einander freundlich zulächelten. Die Sowjetpresse sprach sich für direkte Verhandlungen zwischen den Regierungschefs von Ost und West aus, und am 18. Januar – man möchte kaum glauben, daß dies noch nicht einmal ein Jahr her ist! – kündigte die Prawda die Reise Eisenhowers in die Sowjetunion für den Juni an. Die Beschlüsse, die der Oberste Sowjet Mitte Januar faßte (darunter jene über die Verminderung der sowjetischen Streitkräfte und die Dezentralisierung des Innenministeriums), erweckten darüber hinaus den Eindruck, daß der relativ versöhnliche außenpolitische Kurs des Kremls auch auf die innere sowjetische Entwicklung nicht ohne Rückwirkung bleiben werde.

Auch noch während seiner Reise nach Indien, Burma, Indonesien und Afghanistan (10. Februar bis 6. März) legte sich der sowjetische Parteiführer in seinen außenpolitischen Erklärungen Zurückhaltung auf. Chruschtschow benutzte seine Reise zwar dazu, den sowjetischen Einfluß in den Entwicklungsländern zu verstärken, indem er ihnen neue sowjetische Anleihen einräumte und die Gründung einer „Universität der Völkerfreundschaft“ ankündigte, die im Oktober 1960 ihre Arbeit aufnahm. Auffallend aber war, daß er während der ganzen Reise kein positives Wort für seinen chinesischen Verbündeten fand – ein deutliches Zeichen für die Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen.

Krieg mit Lenin-Zitaten

Die Pekinger Führer, die schon vorher ihre Verärgerung über Chruschtschows Amerika-Besuch hatten erkennen lassen, begannen Anfang 1960 ihren innenpolitischen Kurs erneut zu verschärfen; Volkskommunen wurden nun auch in Städten eingeführt. Zugleich stellten sie Mao Tse-tung und die „Ideologie Mao Tse-tungs“ kraß heraus. Die 90. Wiederkehr des Geburtstages von Lenin am 22. April benutzten sie dann, um die Koexistenzpolitik und die sowjetische These von der Vermeidbarkeit der Kriege frontal anzugreifen. Einige Dutzend willkürlich herausgegriffener Lenin-Zitate dienten den Pekinger Ideologen als Nachweis dafür, daß Kriege nach wie vor unvermeidlich seien und die sowjetische Koexistenzpolitik als Abweichung vom Marxismus-Leninismus gewertet werden müsse.