Selbst für ein Unternehmen, dessen Aktien nicht zu den Börsenwerten gehören, gelangt der 1959er Abschluß der Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG, Essen, reichlich spät an die Öffentlichkeit. Die Verwaltung hat dafür eine plausible Erklärung, und der alleinige Aktionär des Unternehmens, die Firma Friedrich Krupp, Essen, wird sie zu würdigen wissen. Zum erstenmal präsentiert sich die Rheinhausen AG im neuen Gewand, das sie sich nach den Maßen des Umwandlungsgesetzes hat schneidern lassen. Und das ist auch der Grund für die verspätete Vorlage des Geschäftsabschlusses 1959. Die bisherige Holding für die diversen Kruppschen Montanunternehmen hat sich zu einer Produktionsgesellschaft gemausert mit Betriebsabteilungen für Kohle und Stahl. Dafür haben – auf Grund des Umwandlungsgesetzes – die bisherigen Töchter Hüttenwerk Rheinhausen AG und Bergwerke Bochum-Rossenray AG ihre Eigenständigkeit aufgegeben. Die Bergbautochter hatte bekanntlich schon zuvor die frühere Steinkohlenbergwerk Hannover-Hannibal AG und die Bergbau-AG Constantin der Große auf sich vereinigt. Die Bilanz 1959 trägt bereits den vollzogenen Umwandlungen Rechnung, aber die wirtschaftlichen Erfolge dieser Flurbereinigung großen Stils werden sich erst frühestens aus dem Abschluß für das Jahr 1960 ablesen lassen.

Die Umwandlungsmaßnahmen haben zwar mehr rechtliche als eigentumsmäßige Veränderungen ergeben; aber immerhin hat der Kruppkonzern, der nach der Entflechtung ein reines Verarbeitungsunternehmen geworden war, auf diese Weise wieder eine straff geführte und zusammengefaßte Kohle- und Stahlbasis erhalten. (Die Verkaufsauflage für diesen Unternehmensbereich besteht allerdings noch immer.) Eine Sonderstellung nimmt in diesem Rahmen weiterhin die Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG, Bochum, ein, deren Status als selbständige Beteiligungsgesellschaft sich, wie die Rheinhausen-Verwaltung in einer Pressekonferenz erklärte, auch in Zukunft nicht ändern wird. Das Haus Krupp wird auch, wie zu hören war, keine weiteren Aktien des Bochumer Unternehmens mehr dazuerwerben. Die bei Rheinhausen liegende BV-Beteiligung, die in dem Abschluß des Berichtsjahres noch mit 63 vH angegeben ist, wurde zwischenzeitlich in Verbindung mit der im laufenden Geschäftsjahr bei der Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG durchgeführten Kapitalerhöhung auf etwas über 75 vH ausgedehnt. Mit dem Abschluß eines Organschaftsvertrages ist indessen zunächst nicht zu rechnen; allerdings hat die Verwaltung diese Möglichkeit nicht grundsätzlich verneint. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Bochumer Vereins ist Rheinhausen bestens zufrieden: Der „kranke Mann an der Ruhr“ ist nun doch – und offenbar nachhaltig – gesund geworden.

Der jetzt von Rheinhausen vorgelegte Geschäftsabschluß für 1959 hat nahezu nur noch historischen Wert. Aber die Verwaltung hat sich redliche Mühe gegeben, die Verspätung dadurch wettzumachen, daß sie die – zum Teil noch vorläufigen, jedenfalls aber noch ganz taufrischen – Zahlen für das Jahr 1960 in die mündliche Berichterstattung mit einbezog. Es ergibt sich für die Gruppe Rheinhausen das gleiche Bild wie für die meisten Montangesellschaften des Reviers: Das Jahr 1959 war besser als sein Vorgänger, aber der Durchbruch an die vollen Futterkrippen eines wieder lukrativer werdenden Stahlmarktes gelang erst im Frühsommer. Dagegen war der (Konjunktur)-Himmel während des ganzen Geschäftsjahres 1960 wolkenlos, und eine „Rekordernte“ konnte in diesem Jahre ohne Störungen eingebracht werden. Das gilt natürlich vorwiegend für die Eisenseite des Konzerns. Jedoch hat sich in 1960 auch bei den Zechen das Blatt insofern zum Guten gewendet, als keine weitere Verschlechterung mehr eingetreten ist.

Der Konzern-Fremdumsatzbetrug 1959 etwa 1,038 gegenüber 1,004 Mrd. DM in 1958. Diese relativ geringfügige Steigerung um 1,8 vH beinhaltet einen Umsatzzuwachs um 5,8 vH bei der Hütte Rheinhausen und eine rückläufige Entwicklung bei den Zechen. Das Stahlgeschäft brachte im Geschäftsjahr 1959 einen Wertumsatz von 759 (717) Mill. DM, und der weiterhin rückläufige Kohlenabsatz machte 348 (371) Mill. DM aus. Die Produktionskurve folgte wieder im Trend früherer Jahre. Die Rohstahlerzeugung erreichte mit 2,054 Mill. t eine Zuwachsrate von 7,8 vH, blieb aber damit noch geringfügig unter dem Ergebnis des bisher besten Jahres 1957. Das trifft auch für den Walzstahlversand zu, der mit 1,606 Mitt. t den des Vorjahres um 10,3 vH überflügelte, aber ebenfalls nicht ganz das Niveau von 1957 erreichte.

Dafür hat dann – auf der ganzen Linie – das Geschäftsjahr 1960 das gehalten, was die zweite Hälfte 1959 versprochen hatte. Auf der Basis der ersten 11 Monate errechnet sich für die Hütte Rheinhausen eine Rphstahlquote 1960 von 2,290 Mill. t und ein Walzstahlversand von 1,8 Mill. t. Diese Ziffern finden ihren erfreulichen Niederschlag auf dem Umsatzkonto. Der Konzern-Fremdumsatz wird in diesem Jahre 1,224 Mrd. DM erreichen. Die Zechen haben dabei ihren Umsatz mit einem Monatsdurchschnitt von 29 (29) Mill. DM immerhin halten können. Die Hütte allein erzielte 876 Mill. DM, womit die 18,8 prozentige Umsatzsteigerung ausschließlich auf das Konto der Eisenseite geht. Mehr noch als das absolute Umsatzvolumen dürfte allerdings der Umsatzerlös je Tonne Walzstahl, der sich auf 486,6 DM gegenüber 473,7 DM im Berichtsjahre verbessert hat, die Wende zum Guten und zum noch Besseren unterstreiche. Auch eine sicher nicht unerhebliche Kostendegression, die sich aus der vollen Auslastung der Kapazitäten ergeben dürfte, wird der Gruppe Rheinhausen eine den Produktions- und Umsatzzahlen ebenbürtige Ertragslage in diesem Jahre bescheren.

Wenn auch bei der Eigentumsstruktur dieser Gesellschaft dem Ausschüttungsbetrag via Dividende naturgemäß nicht die gleiche Bedeutung zukommt wie bei vergleichbaren Montanunternehmen des Reviers, so hat doch auch der alleinige Großaktionär seine Möglichkeiten, sich über eine gute Ertragslage zu freuen. Für 1959 ist wiederum eine Dividende von 8 vH auf das Kapital von 110 Mill. DM vorgesehen. Das inzwischen auf 200 Mill. DM heraufgesetzte Grundkapital wird erstmalig in 1960 zu verzinsen sein. Aus der Bruttoertragsrechnung, die erfreulicherweise nicht nur für den Gesamtkonzern, sondern auch gesondert für Kohle und Stahl vorgelegt wird, geht hervor, daß das wirtschaftliche Ergebnis der Unternehmensgruppe vor Abzug von Körperschaftsteuern auf 19 nach 11 Mill. DM angestiegen ist. Die Hütte konnte ihr Ergebnis mit 18 (9) Mill. DM verdoppeln und für die Zechen lautet diese Größe 4 (5) Mill. DM. Hierzu ist allerdings anzumerken, daß sich der Gewinn im Bergbau nach Vornahme von Sonderabschreibungen – wobei sich die Verwaltung, wie vor der Presse erklärt wurde, keine besonderen Beschränkungen auferlegen mußte – für die neue Schachtanlage in Rossenray in einen Verlust von 6,3 Mill. DM verwandelte. Die Bilanz weist den auf die Dividende zugeschnittenen Gewinn von 8,879 Mill. DM aus.

Rheinhausen hatte im Berichtsjahr einen Investitionsaufwand von 92 Mill. DM zu verzeichnen, davon 30 bei den Zechen und 62 Mill. DM im Hüttenwerk. In den kommenden Jahren wird sich das Investitionstempo hier grundlegend ändern; denn auch Rheinhausen hat umfangreiche Ausbaupläne, speziell für die Hütte, aufgestellt. Rund 410 Mill. DM sind nach Angaben der Verwaltung in den nächsten 4 Jahren für den Ausbau der Stahl- und Walzwerkskapazitäten vorgesehen. Aber damit wird sich – im Gegensatz zu bekanntgewordenen Projekten bei anderen prominenten Stahlerzeugern – keine bedeutende Verschiebung der jetzigen Größenordnungen ergeben, da Zug um Zug gleichzeitig alte, wenn auch kleinere, Kapazitäten stillgelegt werden sollen. Die Rheinhausen-Verwaltung bezeichnete vor der Presse eine Rohstahlleistung von vielleicht 3 Mill. Jahrestonnen als das Optimum für dieses Unternehmen. Sie ist sich dabei im klaren, daß sie mit dieser Bescheidung – wenn sie dabei bleibt – in ihrem Marktanteil von anderen Unternehmen in naher Zukunft überrundet werden wird. Nmn