Ich sollte es später noch mehrfach vernehmen, daß man uns geradezu für moralisch verpflichtet hält, Ländern wie Indonesien zu helfen. Wieso eigentlich? Die Völker müssen zeigen, daß sie bereit sind, sich in erster Linie selber zu helfen – und daran läßt Indonesien noch sehr viel fehlen. Statt dessen steckt es sich vorläufig eifrig Knüppel zwischen die Beine. Wir sollten uns jedoch nur dort engagieren, wo unsere Hilfe auf die Dauer auch den eigenen Interessen dient.

Oder besteht etwa doch eine moralische Verpflichtung der Nationen des Westens und Rußlands gegenüber den „Unterentwickelten?“ Sah ich die Situation Indonesiens zu schwarz, zu mißgünstig? Ich holte, um mich selbst zu bestätigen, die Reden Mohammed Hattas hervor. Das grün gebundene Buch „The Co-operative Movement in Indonesia“ hat mich während meiner Fahrten und Irrfahrten durch Indonesien begleitet. Hundertmal habe ich Gelegenheit gehabt, Hattas Angaben an der Wirklichkeit zu prüfen – und seine Theorie bestätigt zu finden. Hatta hob mit Sukarno zusammen 1945 die Republik aus der Taufe und ist bis Dezember 1956 Vizepräsident gewesen. Aber schon lange vor seinem Rücktritt hat er rücksichtslos auf die Zustände hingewiesen, an denen das Land hoffnungslos krankt.

Am 11. Juli 1955 erklärte der Vater Indonesiens in einer Ansprache: „Mit Niedergeschlagenheit und Sorge nehmen wir die Anzeichen der Auflösung in unserer Volkswirtschaft wahr. Finanziell ist unser Land schwächer und schwächer geworden. Die Ausgaben der Regierung haben sich von Jahr zu Jahr erhöht, weil wir für vielfältige Mängel aufzukommen hatten und gewisse Vorhaben nicht zurückgestellt werden konnten. Das Ansteigen der Staatseinnahmen hat mit diesem Steigen der Staatsausgaben nicht Schritt gehalten. Und das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben wird sich noch verschlechtern, wenn wir nicht endlich methodischer arbeiten, wenn wir nicht. endlich unserer Verwaltung, unserer Produktion zur vollen Wirkung verhelfen.

Schon stehen wir einer Reihe von wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten gegenüber; unsere Gemeinschaft ist von manchen anderen Krisen betroffen. Eine moralische Krise hat die Unterschiede verwischt zwischen gut und schlecht, zwischen gesetzlich und ungesetzlich, zwischen Anstand und moralischer Verworfenheit, zwischen Recht und Unrecht. Korruption verdirbt und vergiftet unsere Gesellschaft. Korruption hat sich in zahlreichen Regierungsstellen eingenistet; wenn nicht bald drastische Maßnahmen dagegen ergriffen werden, schlägt dieses Übel im Aufbau unserer Gesellschaft und unseres Landes für immer Wurzel: Geschäftsleute und Unternehmer, die es noch mit dem kaufmännischen Anstand halten, werden immer mehr zurückgedrängt. Jedes Jahr verliert die Regierung Hunderte von Millionen Rupien an Zöllen und Steuern – ein Ergebnis von Betrug und Schmuggelei, illegaler und ‚legaler‘.

Der Ankauf großer Warenmengen im Ausland hat unsere Devisenreserven verbraucht – aber die Waren erscheinen seltsamerweise nicht auf unseren Märkten. Artikel für den täglichen Bedarf stellen wir zur Genüge her, aber irgendwie erreichen auch diese Artikel – von winzigen Mengen abgesehen – die Verbraucher nicht. Infolgedessen sind die Preise für alle Artikel des täglichen Gebrauchs weit stärker gestiegen, als angemessen ist. Wir sind zwar imstande, einen Teil unserer Erzeugung an Reis, Zucker und Salz zu exportieren, denn wir erzeugen mehr, als für den eigenen Bedarf erforderlich ist – aber trotzdem schreit das Volk laut und leidet, da es selbst diese einfachen Dinge nicht – kaufen kann. Wir sehen uns also einer Krise der Verteilung gegenüber, die von fehlerhafter Organisation und zersetzter Moral herrührt.

Schließlich hat sich letzthin eine Krise der Autorität – des Gehorsams gegenüber Entscheidungen der Regierung – in den Vordergrund geschoben ... Im Grunde geht diese Krise auf psychologische Ursachen zurück. Außerdem erleben wir zur Zeit eine Krise der Demokratie, die, wenn sie nicht weise gelöst wird, unsere Gesellschaft in die Anarchie stürzen und unser Land zerstören wird – noch ist der Mörtel im Fundament unseres Staates nicht hart geworden. Ich bin jedoch überzeugt, daß wir diese Autoritätskrise überstehen werden.“

So also ist die Lage in Indonesien nach den Worten eines Mannes wie Hatta, den man weder durch Ämter noch durch Geld, weder durch Ehrungen noch durch Drohungen je hat bewegen können, das zu verschweigen, was auszusprechen er für notwendig hielt. Im Maiheft 1960 der islamischen Zeitschrift „Pandji Masjarakat“ geht Hatta näher auf die Chancen der Demokratie in Indonesien ein. Er glaube daran, so schreibt er, daß auf die Dauer die Demokratie (wie er sie sieht – sie darf nach seiner Meinung nicht allzu viel mit der Demokratie des Westens zu tun haben) in Indonesien wieder Fuß fassen wird. Aber die gegenwärtigen Zustände kennzeichnet er so: