Von Armin Mohler

Die „Jugendbewegung“ ist eines der rätselhaftesten Ereignisse in der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts. Wir erkennen erst allmählich, wie umfassend ihre – oft unterirdische – Wirkung auf alle Lebensbereiche war, von „Weltanschauung“ und Dichtung über Musik und Wohnkultur bis zur Körperpflege, zum Stil von Kleidung und Haartracht.

Zwar hat der Nationalsozialismus die um die Jahrhundertwende jäh aufgeschossene Jugendbewegung gleich 1933 zu zerschlagen begonnen; er hat jedoch von ihr, wie von anderen Zweigen der deutschen Tradition, Inhalte oberflächlich übernommen und dann pervertiert. In jenen Jahren, gleich nach 1945, in denen es Mode war, fast alle Gestalten der deutschen Vergangenheit, die mittelalterlichen Mystiker wie Martin Luther, die Deutschordensritter so gut wie einen Friedrich List oder einen Friedrich Wilhelm I., zu „Vorläufern Hitlers“ zu stempeln – in jenen Jahren fehlte es auch nicht an Versuchen, die Wandervögel der Vorkriegszeit und die „bündische Jugend“ der Zwischenkriegszeit in Wegbereiter der Hitlerjugend zu verfälschen.

Allmählich bahnt sich nun eine andere Einschätzung der Jugendbewegung an. Ihrer historischen Würdigung stellen sich jedoch erhebliche Widerstände entgegen. Schon früh sind umfangreiche und gründliche Handbücher über sie verfaßt worden: von Hertha Siemering (zuletzt 1931), von Else Frobenius (1927) und Günther Ehrenthal (1929), und dann nach 1933, stark in der Aussage behindert, Luise Fick und das von Vesper herausgegebene Sammelwerk. Aber soviel Material an Daten, Fakten und Parolen diese Handbücher auch ausbreiteten – den Kern der Jugendbewegung, die zuallererst ein emotionelles Ereignis war, vermochten sie nicht zu fassen. Der zu früh verstorbene Historiker Hermann Mau hat einmal im Gespräch über die „Freischar“, der er entstammte (und die die letzte Phase der Jugendbewegung beherrschte), gesagt: „Darüber könnte nur schreiben, wer dabei war – aber wer dabei war, der schreibt kein Buch drüber.“

Nun, in diesem Jahr ist ein Buch über die Jugendbewegung erschienen, das einen Dichter, der wirklich „dabei war“, zum Herausgeber hat –

Werner Helwig: „Die blaue Blume des Wandervogels“, vom Aufstieg, Glanz und Sinn einer Jugendbewegung; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 408 S., mit Notenbeispielen, 14,80 DM.

Das Buch ist ein „Puzzle“: teils spricht Helwig selbst, teils läßt er Dokumente sprechen, teils gibt er „Tafelrunden“ das Wort, in deren Verlauf er sich mit Überlebenden (und manchmal auch mit Verstorbenen) über einzelne Phasen der Jugendbewegung von ihrer Gründung durch Karl Fischer im Jahre 1901 bis zu ihrer Auflösung 1933/34 unterhält. „Puzzle“ ist nicht negativ gemeint. Wir kennen nämlich kein Buch, das so wie dieses imstande wäre, dem, der nicht dabei war, verständlich zu machen, was die Jugendbewegung war.