Die öffentlichen Verkehrsbetriebe befinden sich in einer schwierigen Lage. Folgen sie dem durch die Konjunktur beflügelten Lohnniveau der privaten Wirtschaft nicht, so können sie ihr Personal nicht halten. Erhöhen sie aber ihre Löhne, so sind nach einer Erklärung des Verbandes der Öffentlichen Verkehrsbetriebe Tarifanhebungen unvermeidlich.

Von den 163 der dem Verband öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV) angeschlossenen Betriebe haben 1959 20 ihre Tarife erhöht, darunter Bochum, Stuttgart, Wiesbaden, Frankfurt/Main und Köln. Im Jahre 1960 dagegen waren es schon 41, darunter Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Dortmund. In der unterschiedlichen Entwicklung beider Jahre kommt deutlich das Gewicht der am 1. Januar 1960 in Kraft getretenen Lohnerhöhung um 10 bis 12 Prozent zum Ausdruck, wohingegen das Jahr 1959 keine Lohnerhöhung gebracht hatte.

Dabei wird man noch unterstellen dürfen, daß die öffentlichen Verkehrsbetriebe alles tun, um eine Verteuerung der von ihnen angebotenen Dienste zu vermeiden, weil sich diese angesichts der Abwanderungs-Tendenz auf individuelle Verkehrsmittel (PKW, Moped usw.) als höchst problematisch erwiesen haben. Ohne diese überaus harte Konkurrenz, in deren Verlauf manche öffentlichen Betriebe in den vergangenen Jahren 10 Prozent und mehr ihrer Fahrgäste verloren haben, wären wohl noch weitergehende Tarifanhebungen registriert worden. Auch bleibt dem „Normalverbraucher“ das Ausmaß der effektiven Teuerung meist durch die differenzierte Anhebung der Streckentarife verborgen. Diese Streckentarife aber lösen mehr und mehr die alten Einheitstarife ab, so daß eine kostenechte Abgeltung der jeweiligen Beförderungsleistung bewirkt wird.

Eine dem VÖV vorliegende Übersicht über 112 Verkehrsbetriebe besagt, daß davon nur noch 17 einen Einheitstarif aufweisen, während es vor einem Jahrzehnt immerhin noch 29 waren. Wie sich ein solcher Teilstreckentarif gliedert, darüber gibt das Beispiel der Düsseldorfer Rheinbahn sehr gut Auskunft. Hier wurde nach Tariferöhungen am 1. Juni 1955, am 1. April und 1. November 1957 und im August 1958 die jüngste Tariferhöhung am 1. November 1960 vorgenommen. Die Preise für eine Teilstrecke mit 30 Pfennig und für zwei Teilstrecken mit 40 Pfennig blieben stabil. Aber schon für drei (!) Teilstrecken zahlt der Düsseldorfer Fahrgast heute 50 Pfennig (bisher 40), für vier Teilstrecken 60 Pfennig (40) und für fünf und mehr Teilstrecken 70 Pfennig (50). In Essen beträgt der höchste Teilstreckentarif 75 Pfennig, in Gelsenkirchen sogar 80 Pfennig.

Der Preisindex öffentlicher Verkehrsmittel ist in den letzten zehn Jahren um 65 Prozent geklettert und weist unter den Indices der Verbraucherpreise wichtiger Warengruppen mit den steilsten Anstieg auf, übertroffen lediglich von Preiserhöhungen für Brot, Gemüsekonserven und Friseurleistungen. Verglichen mit dem Lebenshaltungskostenindex (123) ist der Index öffentlicher Verkehrsbetriebe dreimal so schnell gestiegen wie der Durchschnitt der Verbraucherausgaben. Wenn jetzt die ÖTV eine Lohn- und Gehaltserhöhung zum 31. März um 15 Prozent fordert, so bleibt den öffentlichen Verkehrsbetrieben nach der Verlautbarung des Verwaltungsrates der VÖV „gar nichts anderes übrig, als wiederum den Weg der Tariferhöhungen oder den Weg der Verkehrseinschränkungen zu gehen“. –en