Konjunkturpolitische Instrumente können und müssen geschaffen werden

Von Sigmund Chabrowski

Ein Jahrzehnt Konjunkturaufschwung hat ausgereicht, das schreckliche Wort Wirtschaftskrise aus dem gesellschaftsfähigen Sprachschatz zu löschen und in das Vokabularium der Theorie zu verbannen. Als „dummer Schwätzer“ gilt, wer es heutzutage im deutschen Wirtschaftswunderland noch in den Mund nimmt. Die Nachkriegszeit habe es doch erwiesen, so heißt es, daß Konjunkturzyklen, wie sie die Vergangenheit kannte, „überwunden“ sind. Hoffnungslos unmodern seien also diejenigen, die da von latenten Krisengefahren sprechen – ja, sogar in ihrer Dummheit gefährlich: Denn Rezessionen könne man heute allenfalls „herbeireden“. Diese Theoretiker, mißgünstig, wie sie nun einmal sind, wollen (nach der fast allgemein gewordenen Ansicht) die „gute“ Konjunktur ja nur totschlagen. Was soll ihr Gerede von der „Konjunkturüberhitzung“ aber schon besagen: Ein paar Prozent Preissteigerung – eine dreiprozentige Geldwertverschlechterung fürs Jahr gilt mittlerweile ja schon als „normal“ –, verlängerte Lieferfristen, knappe Arbeitskräfte – mehr passiert doch nicht! Dabei läßt es sich immer noch gut leben – und verdienen. Also auf den Scheiterhaufen mit demjenigen, der da einer „aktiven Konjunkturpolitik“ das Wort redet! Ganz ausgerottet sind diese „Aktivisten“ freilich noch nicht. Professoren von Rang und Namen betätigen sich hier, nach wie vor, als (verfolgte) Rufer in der Wüste. Auch die Arbeitsgemeinschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute, die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, die Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer, im gewissen Sinne auch der Deutsche Industrie- und Handelstag sowie – nicht zuletzt – der Europäische Wirtschaftsrat haben erst jüngst wieder ihre mahnenden Stimmen erhoben und vor konjunkturpolitischem Nichtstun gewarnt. Und auch aus dem offiziellen Bonn ist vielleicht noch eine konjunkturpolitische Schützenhilfe zu erwarten.

Zwar ist nach dem Milliarden-Anleiheangebot der Wirtschaft in den Regierungsressorts das große konjunkturpolitische Schweigen ausgebrochen, und für die D-Mark-Aufwertung insbesondere gilt das große Tabu. Aber die jüngste Verlautbarung des Bundeskanzlers, eine Antwort auf dringliche Vorstellungen des Sparkassen-Präsidenten Butschkau, enthält die Zusage, daß man nichts unversucht lassen werde, die Preisstabilitit im Inneren („Erhaltung der Kaufkraft der D-Mark“) zu erreichen. Dies sei „wichtigstes Anliegen der Bundesregierung“. Die Zusammenhänge seien jetzt „so klargestellt, daß niemand sich seiner Verantwortung für das weitere Geschehen entziehen kann“. Man werde prüfen, welche „zusätzlichen und sonstigen Möglichkeiten“ bestehen, um Preiserhöhungen abzuwenden. – Das klingt also durchaus nach der Bereitschaft zu einer neuen konjunkturpolitischen Aktivität.

Der internationale Codex

Nun haben wir ja bereits einen internationalen Codex des guten wirtschafts- und konjunkturpolitischen Verhaltens: Prof. Müller-Armack, der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hat ihn aufgestellt. Es heißt darin: „Die lange Zeit einer stetigen Erholung... darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Rezessionen immer möglich sind. Der Grad der internationalen Verflochtenheit ist durch die Erholung der europäischen Wirtschaft wieder so groß geworden, daß ein Rückschlag tief in das Gefüge der Länder einwirken würde.“ Und sinngemäß weiter: Der Konjunkturzyklus der Nachkriegszeit ist durch längere Haussezeiten geprägt, bei denen die expansiven Kräfte, die im Gleichgewicht gehalten werden müssen, um so stärker werden – und der Rückschlag pflegt erfahrungsgemäß der Intensität des vorhergehenden Aufschwungs zu entsprechen!

So ist eine international – wenigstens europäisch – koordinierte „Hochkonjunkturpolitik“ nichts anderes als vorbeugende Krisenpolitik. Es muß verhindert werden, daß die Wirtschaftsausweitung an ihre materiellen Grenzen stößt, diese überschreitet, dann den Konjunkturumschwung auslöst und in der Depression endet. Ein inflatorischer Preisauftrieb, als Folge einer wachsenden Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage, ist schon ein ernstes Alarmzeichen. Wenn dann Arbeitskräftemangel und Kapazitätsengpässe eine Angebotsausweitung auf „natürlichem“ Wege nicht mehr zulassen, andererseits Zahlungsbilanzüberschüsse und andere Dinge mehr einen ständigen monetären „Nachfrageüberhang“ schaffen, ist für konjunkturpolitisches Handeln wohl Alarmstufe eins gegeben. Von inflatorischem zu inflationistischem Preisauftrieb ist in einer solchen Situation gewiß kein weiter Weg. Wehe, wenn in dieser Lage unwägbare psychologische Einflüsse wirksam werden und sich eine allgemeine Vertrauenskrise ausbreitet... dann gibt es wohl kein Halten mehr.