Vom Spankorb zum Marmorladen

RH–Hamburg

Auf gekühltem Lager ruhen Hühner, Gänse und Puter. Der Infrarotgrill rotiert neben Enten, Rehrücken und Fasanen. Im Hintergrund glänzt Leberwurst, glänzt Speckschwarte, glänzt das gerundete Gesicht des Geschäftsinhabers.

Ihm ist der Schweiß auf die Stirn getreten. Es ist zuviel für ihn: die Handwerker bei Laune halten – und dennoch die Kunden nicht zu vernachlässigen. Denn für sie muß die Erweiterung des Geschäftes vor sich gehen wie das Wachstum von Kürbissen: unmerklich.

Ich bin eine alte Kundin. Ich habe den Kürbis, den Laden, noch als Kern gesehen. Ich er-kundete das Unternehmen, als es vor neun Jahren aus einem Spankorb mit Eiern bestand. Der Mann, dem jetzt die Sorgen-Schweißperlen auf der Stirn stehen, war damals fröhlich hinter dem Korb zu sehen und blickte jede neue Bundesmark aufmerksam an.

Als der Korb das Geschäft nicht mehr trug, baute der Mann eine Bude. Er strich sie grün an und machte ein Pappschild ans Fenster: Täglich frische Landeier, Landwurst und garantiert Landrauchspeck.

Vom Begriff „Land“ ging ein Hauch von Gesundheit aus. Es gab so viele Kunden, daß die Bude zu eng wurde und der Mann einen Laden mietete. Dort stellte er das Ländliche dann städtisch und prächtig zur Schau, und noch mehr Leute kamen. Sie kauften nun auch Margarine dort – Landmargarine, versteht sich – und Honig von ländlichen Bienen und Kognak und Spaghetti und Gänseleberpastete. Es gab nun alles dort, was der nichtländliche Mensch gern ißt. Auch was er trinkt, wenn er sich nicht berauschen will. Kaffee und Tee und Säfte. Der Laden war nun komplett und Kunden drängten sich dort wie die Waren.