Assam, im Dezember

Es ist schon dunkel, als wir das einsame Kloster hoch in den Manhuil-Bergen erreichen. Wie eine Festung liegt das Haus der Meditation inmitten steil aufsteigender Mauern am Rande einer zerklüfteten Schlucht. Von den Dächern hängen schmale, schwarzweiße und gelbe Fahnen, Schutz gegen Dämonen und böse Geister.

Im Kloster herrscht Totenstille. Die Mönche haben längst ihr Abendgebet beendet und schlafen der nächsten Andachtsstunde entgegen. Ich lasse den kupfernen Klopfer schwer an das Klostertor fallen; ein Pförtner erscheint und gewährt mir Einlaß, ohne viel zu fragen. Mit einer qualmenden Fackel geleitet er mich über den Hof in eine Vorhalle des Klosters. Nach einer kurzen Weile betritt ein alter würdevoller Lama den Raum; ihm überreiche ich das Schreiben eines befreundeten buddhistischen Mönches, der den Abt bittet, mir für ein paar Tage Gastfreundschaft zu gewähren.

Der Prior nimmt flüchtig Kenntnis von dem Brief, dann mustert er mich lange. In dem strengen ledernen Mongolengesicht bewegen sich nur die Augen. Aber auch die sind für mich unergründlich, denn was ich eben noch als Strenge empfand, erscheint jetzt als Weisheit und Güte. Mit der Gruß-Frage, ob ich Frieden in meiner Seele habe, heißt mich der Abt als Gast des Klosters willkommen. Ein Novize erhält den Auftrag, meinen beiden Trägerkulis und mir ein Nachtlager anzuweisen. Wir bekommen noch ein paar Scheiben vom geräucherten Fettschwanz eines Schafes abgeschnitten; dann werden meine Kulis mit dem Maulesel zusammen im Stall einquartiert, und ich krieche in einem einfachen Gastraum auf das warme Ofenbett.

Die tiefen Töne des Muschelhorns und eines schwingenden Gongs verkünden den Klosterbewohnern und mir die Stunde zum Aufstehen. Bald darauf erscheint ein Lama und führt mich in die Nähe einer größeren, nach Osten offenen Halle, wo sich die Mönche und Novizen eben zur Morgenandacht zusammenfinden. Es sind ihrer etwa 80 bis 100 – wenig im Vergleich zu den großen Klöstern im benachbarten Tibet, die oft mehrere tausend Priester beherbergen.

Die Lamas lassen sich mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Sitzkissen aus roter und gelber Seide nieder; hinter ihnen hocken in mehreren Reihen die Klosterschüler, von denen die Jüngsten kaum mehr als sieben Jahre zählen. Unter einem brokatenen Baldachin thront ein wenig erhöht der Abt. Der Wirid bewegt leise die öllaternen, ihr Licht wandert in matten Reflexen über die Gesichter der Mönche, die nach Osten gewandt den Aufgang der Sonne erwarten.

Langsam verblassen die dunkelblauen Samtfarben der Nacht, der Himmel errötet sanft zu zartgoldenem Perlmutt. Aus der Schlucht wehen die grauen Schleier des dämmernden Tages herauf, und dann steigt die rote Glut über dem Grat der östlichen Berge empor. Im gleichen Augenblick beginnen die Lamas mit dumpfen Stimmen ihr Morgengebet, das bald in eine gesungene tibetanische Liturgie übergeht und von Trommeln, Zymbeln und Trompeten begleitet wird. In die tiefen orgelähnlichen Bässe dröhnt das langgezogene Vibrato der Tuba hinein. Das mehrere Meter ange Blashorn wird von zwei Novizen gehalten, während ein kräftiger Lama das Mundstück bedient.