Von William H. Petersen (New York)

Um die Jahreswende 1959/60 waren sich die amerikanischen Wirtschaftspropheten so ziemlich einig in der Voraussage, das neue Jahr werde die „goldenen Sechziger“ einleiten. 1960 sollte, so meinten sie, eine wirtschaftliche Expansion an allen Fronten bringen: Die Stahlindustrie werde alle Rekorde brechen, die Arbeitslosigkeit werde unbedeutend sein, die Transportleistung der Eisenbahnen werde steigen – kurz, alle Indices würden Rekordzahlen aufweisen.

Das Jahr 1960 entwickelte sich durchaus nicht so. Es war kein schlechtes Jahr, aber auch kein gutes. Das hatte seine politischen Rückwirkungen: fast jeder politische Kommentator ist der Ansicht, daß Vizepräsident Nixon die Präsidentenwahl nicht verloren hätte, wenn die wirtschaftliche Entwicklung günstig gewesen wäre. Der Umschwung – dürfen wir ihn bereits als eine Rezession bezeichnen? – wurde im Frühjahr sichtbar. Die Lage verschlechterte sich im Sommer, und während des Wahlkampfes erzielte Senator Kennedy große politische Erfolge, indem er die Wähler auf die wachsende Zahl von „Krisengebieten“, die zunehmende Arbeitslosigkeit und die sinkende Ausnutzung der Kapazitäten in der Stahlindustrie hinweis.

An dieser Jahreswende nun steht das Wirtschaftsbarometer keineswegs auf gut Wetter; Die Stahlindustrie arbeitet gegenwärtig nicht einmal mit der Hälfte ihrer Kapazität, die Arbeitslosigkeit hat gerade die 4 Millionen-Grenze überschritten, und das amerikanische Amt für Arbeitsstatistik sagt voraus, daß im Januar 1961 etwa 5 Millionen Amerikaner keine Arbeit haben werden. Ziemlich einheitlich sind die Gewinne der Gesellschaften im dritten Quartal 1960 recht ärmlich gewesen. Die Umsätze an der Börse, der Auftragseingang und der Bestand an unerledigten Aufträgen sind niedriger als vor einem Jahr. Die Industrie hat weniger verkauft als im Jahr davor, in dem der Stahlstreik bereits zu Einbußen geführt hatte. Gleichzeitig hat die Verschuldung der Verbraucher eine Rekordhöhe erreicht. Der Umschwung hat die Lust zu neuen Investitionen gedämpft, mit dem Erfolg, daß man bereits heute einen Rückgang der Ausgaben für neue Fabrikanlagen und -ausrüstungen im kommenden Jahr voraussagt. – Nach Ansicht der amerikanischen Handelskammer werden sich die Investitionen um 5 bis 8 vH, nach Meinung der McGraw-Hill Publishing Co. um 3 vH vermindern.

Aber nicht alle Anzeichen weisen abwärts. Es gibt einige Lichtblicke. Voraussichtlich werden 1961 genausoviel oder sogar noch mehr Wohnhäuser, Büros, Fabriken und Lagerhäuser gebaut werden wie 1960. Die F. W. Dodge Corporation erwartet, daß sich der Wert der Neubauten um 1 vH erhöhen wird, gleichzeitig aber – ein Tribut an die schleichende Inflation – das Bauvolumen um 1 vH sinken wird. Das amerikanische Handelsministerium ist optimistischer: es sagt einen Anstieg der Bautätigkeit von 4 oder 5 vH voraus und rechnet mit der Rekordbausumme von 57 Mrd. Dollar.

Bedeutsamer für die Aussichten der amerikanischen Wirtschaft dürften jedoch einige fiskalische und monetäre Maßnahmen sein, die von der Eisenhower-Regierung und dem Federal Reserve Board ergriffen wurden, um die Wirtschaft zu beleben. Natürlich vergeht eine gewisse Zeit, bevor die Erfolge dieser Maßnahmen sichtbar werden. Es ist gerade zur Jahreswende gelungen, eine Abwärtsentwicklung aufzuhalten, und es erscheint möglich, daß die Tendenz Mitte des Jahres wieder nach oben zeigen wird. Aber es gibt keinen Zeitplan für den Aufschwung. Wahrscheinlich wird die Arbeitslosigkeit sogar noch zunehmen, bevor wieder bessere Zeiten eintreten können.

Welcher Art sind nun die getroffenen Maßnahmen? Die meisten dienen einer leichteren Beschaffung von Geld und einer Ausweitung der Kredite. Dies hat bereits dazu geführt, daß der Geldumlauf seit dem Mai 1960 wieder angestiegen ist, gegenüber der vorangegangenen längeren Periode eines deflationistischen Trends. Die Zinssätze sind bereits gefallen, und es ist zu erwarten, daß sich dies belebend auf den Kredit- und Hypothekenmarkt auswirken wird. Die Eisenhower-Regierung hat außerdem die Ausgaben der öffentlichen Hand erhöht, beispielsweise für die Streitkräfte, den Straßenbau und auch für die Wirtschaftshilfe.