Von Wilhelm Röpke (Genf)

Wenn der Ökonomist zum Jahresende sich zu dem löblichen Geschäft zurückzieht, sich vom Tag und seinen Streitfragen zu lösen und sich darauf zu besinnen, wo wir in dem großen Laufe der internationalen Wirtschaft der freien Welt stehen, so wird er gut tun, mit einer wichtigen Unterscheidung zu beginnen. Er wird auseinanderhalten, was die weiten Linien der Entwicklung sind, die mit Sicherheit zu deuten und keinem jähen Wechsel unterworfen sind, und was sich innerhalb dieser mehr oder weniger gegebenen Daten als kurzfristige Schwankung abzeichnet. Mit einem Wort: Er wird Struktur und Konjunktur der Weltwirtschaft voneinander trennen und so nacheinander das Gewissere und das Ungewissere untersuchen. Nur zögernd wird er vom festen Boden der langfristigen Tendenzen seinen Fuß aus das trügerische Gelände derjenigen Bedingungen des internationalen Wirtschaftslebens setzen, die ihrer Natur nach einem raschen und nicht prophezeibaren Wechsel unterliegen.

Was die wichtigsten strukturellen Elemente der Weltwirtschaft anlangt, so sind sie rasch aufgezählt. Da ist erstens das ungewöhnlich starke Anschwellen des Welthandels im ganzen, das dem ebenso erstaunlichen Ansteigen der Wirtschaftsaktivität der einzelnen Länder entspricht, insbesondere des hochentwickelten Bereichs der Industrienationen. Dieser Fortschritt ist nun interessanterweise am stärksten ausgeprägt dort, wo er am wenigsten erwartet worden war: nämlich im kriegsverheerten Europa und in Japan. Das bedeutet die wichtigste Verschiebung, die sich im Gefüge der Weltwirtschaft ergeben hat – von überragender Bedeutung vor allem deshalb, weil sie eine tiefe Wandlung im wirtschaftlichen Kräfteverhältnis zwischen Nordamerika (Vereinigte Staaten und Kanada) und den übrigen Industrienationen mit sich bringt: eine Wandlung, die wir stets im Auge behalten müssen, wenn wir die weltwirtschaftlichen Probleme unserer Zeit recht beurteilen wollen. Es wird darauf sogleich noch zurückzukommen sein, wenn wir von den gegenwärtigen Gleichgewichtsstörungen der Weltwirtschaft sprechen.

Die bisher erwähnten Strukturelemente der heutigen Weltwirtschaft stehen in engster Verbindung mit einer weiteren von größter Wichtigkeit. Das ungemein kräftige Ansteigen des Welthandels und der Weltproduktion wäre schwerlich denkbar gewesen ohne die Wiederherstellung des – zum mindesten potentiell – multilateralen Charakters der internationalen Handelsbeziehungen. Und diese wiederum wäre nicht vorstellbar ohne die Errichtung eines internationalen Zahlungssystems, das auf der mehr oder weniger freien Konvertibilität der wichtigeren Währungen beruht.

Aber es ist nicht weniger zutreffend, daß es die so erhebliche Auftriebskraft der Volkswirtschaften des nichtkommunistischen Europa und Japan gewesen ist, die ihre Rückkehr zur Konvertibilität und zum Multilateralismus erleichtert und der früheren „Dollarknappheit“ ein Ende gemacht hat. Die Neu-Integration der Weltwirtschaft, durch Rückkehr zu Konvertibilität und Multilateralismus, ist daher untrennbar mit der inneren Wirtschaftserholung der am meisten vom Kriege betroffenen Länder verbunden. Alles aber hing von der einen großen Voraussetzung ab: nämlich davon, daß der nach dem Kriege so lange beliebte Kurs eines inflationären Kollektivismus zugunsten der Marktwirtschaft und der monetären Disziplin verlassen wurde.

Das Bild wäre unvollständig ohne zwei weitere wesentliche Züge. Einmal bleibt die gewaltige Zunahme des Welthandels wesentlich auf den Bereich der entwickelten Industrieländer konzentriert – mit einem sehr weit bleibenden Abstand zwischen ihnen und den unentwickelten Ländern. Natürlich ist das keine „Bosheit“ der Industrieländer, sondern die natürliche Folge ihres sehr eindrucksvollen Wachstums, und natürlich wäre es albern zu leugnen, daß ohne dieses Wachstum die Lage der unentwickelten Länder noch unvergleichlich unbefriedigender wäre. Aber dieser weite Abstand zwischen den beiden Bereichen der Weltwirtschaft ist eine Herausforderung an beide. Eine Herausforderung an die unentwickelten Länder, damit sie am Beispiel der entwickelten Länder die Bedingungen echter und gesunder Wirtschaftsentwicklung ablesen und sich um ihre Erfüllung kümmern. Und eine Herausforderung an die entwickelten Länder, jenen anderen Gebieten bei ihrem Bemühen zu helfen. Wenn es eine einigermaßen sichere Voraussage gibt, so ist es sicherlich die, daß beide Gruppen dieser Herausforderung immer eindeutiger gehorchen werden, woraus sich ein Antrieb der Weltwirtschaft ergibt, der vor allem die Investitionsgüter-Industrien der entwickelten Länder befruchten wird.

Hier aber greift nun – und das ist der letzte Hauptzug unseres Bildes – der Umstand ein, daß das kommunistische Imperium als Wettbewerber auf den Weltmärkten und als Rivale um die Gunst der unentwickelten Länder immer ernster genommen werden muß. Während die kommunistischen Länder hinter der Rauchwand ihrer Propaganda – der es soeben gelungen ist, eine Abwertung des Rubels als eine Aufwertung auszugeben – im Innern weiterhin mit den eigentlich unlösbaren Problemen ihrer kollektivistischen Wirtschaftssysteme ringen, werden sie zugleich zu einem immer wichtigeren und immer gefährlicheren und störenderen Element der Weltwirtschaft. In dieser bleiben sie ein unassimilierbarer Fremdkörper, weil freier Handel, Multilateralismus und Konvertibilität mit kommunistischer Wirtschaft unvereinbar sind. Die freie Welt kann erst dann hoffen, mit dem Kommunismus als Partner der Weltwirtschaft fertig zu werden, wenn sie sich angewöhnt, ihn so zu betrachten, wie wir es mit einem Hochstapler oder Heiratsschwindler zu tun pflegen ...