Daß es in unserer lebhaften Diskussion um die angemessene Art und Weise der Buchkritik nicht nur um interne Fragen und Streitigkeiten ging, zeigten uns die vielen Leserzuschriften. Sie alle bezogen nicht weniger gründlich und nicht weniger entschieden Stellung als vorher die Kritiker und Autoren, und auch bei ihnen ließen sich zwei einander entgegengesetzte (aber in der Praxis durchaus nicht unvereinbare) Positionen erkennen: Die einen verlangen vom Kritiker vor allem nüchterne Information und allenfalls ein behutsames Abwägen und Werten, die anderen eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit jedem Buch, das solche Auseinandersetzung wert ist. Und alle fragten in der einen oder anderen Form, warum ausgerechnet sie, denen doch sowohl Autoren wie Kritiker verantwortlich sind, vom Mitdiskutieren ausgeschlossen blieben. Eine Frage, die ebenso verständlich ist wie hoffentlich unsere Antwort: weil es ein paar Dutzend namentlich bekannte Kritiker gibt, an die sich die Redaktion wenden kann – aber Hunderttausende von Lesern ... Für sie alle mag nachstehend ein Leser sprechen, der sich im Anschluß an unsere Diskussion zu Worte meldete.

Das Symposion der „erlauchten Literaturpäpste“ (oder sind Kritiker auch nur Menschen?) ist zu Ende gegangen. Da hatte Leo also zu einem scheinbar frugalen Eintopfessen geladen, von dem der kundige ZEIT-Leser dennoch sofort wußte, daß es äußerst schmackhaft sein würde.

So weit, so gut. Mir scheint nur, daß die Debatte von einigen strittigen Voraussetzungen ausging. Wo wäre zum Beispiel der Platz des ZEIT-Lesers und Buchkonsumenten zu suchen? Etwa „draußen vor der Tür“ und vor den Fenstern, wo das niedere Volk sich drängt, um zu sehen, wie die Großen sich delektieren?

Ferner: Immer wieder ging es in den Beiträgen darum, wie sehr doch ein Kritiker den einen oder anderen Autor verletzt haben muß. Manchmal bekommt der ZEIT-Leser den Eindruck, er beobachte einen Haufen beurlaubter Landsknechte, die von ihren Gott weiß wie blutigen Händeln berichten. Was ich in den Beiträgen vermißte, war ein Hinweis auf die unbestreitbare Tatsache, daß das Foul auf dem Fußballplatz (und hier handelt es sich ja wohl um harte Oberligakämpfe) dem betroffenen Autor schmerzhafter ist als dem Zuschauer (Leser); die Kritiker brauchten also gar nicht so zimperlich zu sein; der Autor stellt sich freiwillig zum Kampf, und der Zuschauer (Leser) beobachtet beide mit Spannung. Fouls bleiben mitnichten unbemerkt. Daß einzeln Mannschaftsfunktionäre (Verleger) das Spielfeld zu stürmen drohen, ist nichts Außergewöhnliches. Es sollte aber Mittel geben, sie zu bändigen.

Der Beitrag Joachim Kaisers bietet den Ansatz zu einem weiterführenden Gedanken. So wie der Dichter nach einer „erbarmungslosen“ Kritik vor der Frage steht, ob er überhaupt legitimiert ist, weiterzuschreiben, so unmöglich ist es dem Kritiker, nach einmal veröffentlichter Rezension und der Lektüre anderer Rezensionen zu sagen, er habe sich geirrt, ohne seine Glaubwürdigkeit („Du hast das Buch ja nicht richtig gelesen!“) oder Fähigkeit („Du bist ja nicht imstande, das Buch zu verstehen!“) in Frage zu stellen. Es gibt dann vielleicht noch das Wortgeplänkel mit literarischen, soziologischen, psychologischen Begriffen, das aber keinesfalls mehr der Wahrheit dienen soll; es dokumentiert lediglich die „Bereitschaft des Kritikers zum Gespräch“ (die heute ja schon zur Phrase geworden ist), im übrigen ergibt es immer die unveränderte Berechtigung seines einmal eingenommenen Standpunktes. Der Kritiker kann ja nicht anders; was bei jedem andern Menschen eine Tugend ist, die Fähigkeit zur besseren Einsicht, führt beim Kritiker möglicherweise zur Selbstvernichtung. Verleger und Autoren sollten auch das überlegen.

Diese Situation darf freilich vom Kritiker nicht mißbraucht werden, um sich von vornherein in einen hemmungslosen Subjektivismus zu flüchten. Die Aufgabe des Kritikers ist doch wohl die, für eine – wenn auch noch so kleine – Gruppe von Lesern zu schreiben; er hat die Maßstäbe so zu setzen, daß auch Leser mit abweichenden Ansichten sie akzeptieren können; dabei muß das Persönliche durchaus nicht verlorengehen.

So mag zum Schluß der Leser die versammelten Kritiker fragen: „Legt ihr Wert darauf, daß wir, die Leser, überhaupt kapieren, warum ihr über Autoren herzieht?“