Von Waldemar Ringleb

Der Produktionsindex für die chemische Industrie des Bundesgebiets war bis zum Oktober 1960 – Basisjahr ist 1938 – auf 310 gestiegen, gegenüber einem Stand von 268 vor Jahresfrist. Das bedeutet einen Zuwachs von etwa 16 vH. Mit dieser Expansion steht die westdeutsche Chemie nicht allein. Die Welt-Chemie-Produktion hat 1959 einen Wert von 71.5 Mrd. Dollar erreicht: über 10,5 vH mehr als im Jahr zuvor. Interessanterweise war dabei der Zuwachs in den kleinen Ländern (mit 12,6 vH) merklich höher als in den führenden Chemieländern.

Im ganzen ist das enorme Wachstum die Frucht wissenschaftlicher Forschung, aber auch großer Investitionen. Sie beanspruchen Jahr für Jahr hohe Milliardenbeträge: 1959 allein in der deutschen Chemie 1,7 Mrd. DM. Angesichts solcher Zahlen drängt sich dem Betrachter die Frage auf: Kann das immer so weitergeher. – werden dabei nicht vielleicht Überkapazitäten geschaffen, die eines. Tages, zu schweren Rückschlägen, ja krisenhaften Entwicklungen führen müssen?

Sicherlich gibt es solche Gefahren bereits in einzelnen Bereichen. Stickstoff-Düngemittel zum Beispiel, ehemals eines der Wunderkinder der deutschen Chemie, lagen lange im Schatten der Konjunktur. Im Geschäftsbericht 1958 der Farbwerke Hoechst heißt es hierzu, daß sich auf den Auslandsmärkten die Absatzbedingungen für Stickstoff-Düngemittel weiterhin verschlechtert hätten, weil in den traditionellen ausländischen Absatzgebieten große Stickstoffkapazitäten entstanden seien.

Trotzdem kann man nicht von Überkapazitäten der Weltchemie sprechen, denn auch bei Stickstoff-Düngemitteln ist die Produktionskurve steil nach oben gerichtet. Selbst in der Bundesrepublik hat sich in den ersten zehn Monaten 1960 die mengenmäßige Erzeugung um 9 vH erhöht.

Eines der interessantesten Gebiete der Chemieproduktion sind immer noch die Farben, Von diesem Fachgebiet ist ja die Entwicklung der deutschen Großchemie ausgegangen. Cassella, ein bedeutender deutscher Farbenhersteller, berichtet in seinem Geschäftsbericht 1959 von den in der Welt bestehenden Überkapazitäten im Bereich der Teerfarbenfabrikation. Und trotzdem geht fast die Hälfte der von Jahr zu Jahr wachsenden deutschen Farbenfertigung in das Ausland ...

Nun sind Stickstoff-Düngemittel und Farben jene Fabrikationsbereiche, in welche die Entwicklungsländer zuerst eindringen. Deshalb fallen für die alten Chemieländer immer wieder Absatzgebiete weg. Für die in der Industrialisierung begriffenen Länder ist es mehr als eine bloße Prestigefrage, eigene Fabriken auszubauen. Sie stellen für jene Gebiete gleichsam den Schlüssel zum Wohlstand dar... Denn der Boden muß gedüngt werden, wenn er mehr Nahrungsmittel bringen soll. Und jedes Stückchen Stoff, jedes Kleid, das sich die Armen dieser Welt erwerben wollen, muß zunächst gefärbt werden ...