Von Ingrid Neumann

Die deutsche Montanindustrie beendet ein Jahr, dessen Verlauf die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. Die Konjunktur hat es gut gemeint mit der Montanfamilie: das Klima des Jahres 1960 war bestens geeignet, Gesunde und Kranke gedeihen zu lassen. In den Stahlkontoren des Ruhrreviers summen jetzt die Rechenmaschinen, um die Zahlen eines ungewöhnlich fetten Jahres zu addieren. Aber auch in den Büros der Kohlenzechen haben sich die Mienen über unerwartet guten Verkaufserfolgen merklich aufgehellt.

In diesem Jahre hat zum erstenmal wieder ein guter Stern über dem ganzen Revier gestanden. Zwar hat die Huld der Diva „Konjunktur“ der Kohle nur ein relatives Glück beschieden: die Entwicklung im Bergbau bietet ja lediglich im Vergleich zu den beiden vorangegangenen finsteren Krisenjahren Anlaß zu ungetrübter Freude. Aber dieses relative Glück ist schon viel für einen Wirtschaftsbereich, der sich daran gewöhnen muß, bescheiden zu sein ... bescheidener jedenfalls als ihr großer Bruder Stahl, der nicht mehr, wie in früheren Jahrzehnten, das Schicksal der Kohle teilt, sondern der seine eigenen – expansiven – Wege geht.

Die Hütten- und Walzwerke an Rhein und Ruhr haben 1960 ein Boomjahr sondergleichen erlebt. Das ganze Jahr hindurch sind die eisenschaffenden Unternehmen von Produktionsrekord zu Produktionsrekord vorangeschritten, und zum Schluß wurden Zuwachsraten erreicht, die auch ohne den Vergleich mit dem Vorjahr – dessen erste Monate noch von der Stahlflaute überschattet waren – imponierend sind. Die vorhandenen Anlagen mußten alles hergeben, was sie konnten. Und so wird in diesem Jahr eine Rohstahlerzeugung von nicht viel weniger als 34 Mill. t herauskommen. Die westdeutsche Walzstahlproduktion folgt dem gleichen Trend.

Die Stütze des Stahlbooms war in diesem Jahr wieder das Inlandsgeschäft, das auch an dem ansehnlichen Auftragspolster, mit dem die Stahlindustrie in das neue Jahr hineingeht, den Löwenanteil hält. Bis in den Herbst hinein lagen die hohen monatlichen Auftragseingänge über den Auslieferungen der Werke; in den letzten Monaten hat sich eine leichte Verschiebung zuungunsten der Bestellzugänge ergeben. Anzeichen für einen Tendenzumschwung am Stahlmarkt werden darin allerdings nicht gesehen. Dennoch haben die Hüttenwerke – denen die Stahlflaute vom Frühjahr 1958, die eine reine Lagerkrise war, ja noch in lebhafter Erinnerung ist – durchweg ohne viel Aufhebens und in aller Stille ihre Produktion in den letzten Wochen bereits mit leichter Hand beeinflußt. Beweglichkeit in der Produktion ist das bewährte Rezept der westdeutschen Stahlindustrie, dem bisher stets auch der Erfolg nicht versagt geblieben ist. Und diese Eigentherapie für die kurzfristigen Schwankungen des Marktes wird sich ohne Zweifel im neuen Jahr – wenn es notwendig werden sollte – erneut bewähren.

Die Stahlbilanz des Jahres 1960 ist glänzend. Bei allem Optimismus – der den Hüttenleuten an Rhein und Ruhr nie fremd war – kann indessen nicht damit gerechnet werden, daß sich eine solche „Rekordernte“, mit absoluten Höchstzahlen im Produzieren, im Verkaufen und im Verdienen, 1961 wiederholen wird. Aber auch wenn sich die Konjunkturkurve im Revier ein wenig abflachen wird, geht die große Expansionsreise der Stahlindustrie weiter. Das Superjahr 1960 hat auch dafür die Weichen neu gestellt. In den zurückliegenden Monaten sind in den Hütten- und Walzwerken an der Ruhr Investitionsentschlüsse gefaßt worden, die über das Maß früherer Jahre weit hinausgehen. Das betrifft die Rohstahl- wie auch die Walzwerkskapazität. Eingebettet in den langfristigen Trend wachsenden Stahlbedarfs in aller Welt, der von keiner Substitutionskonkurrenz bedroht ist, hat die westdeutsche Stahlindustrie ein neues stählernes Jahrzehnt begonnen, das für sie neue Größenordnungen bereithalten wird, an die zu gewöhnen man sich im vergangenen Jahr mit einigem Erfolg angeschickt hat.

Auch die den Hütten benachbarten Zechenunternehmen sind in den letzten zwölf Monaten wirklich darangegangen, sich an neue Größenordnungen zu gewöhnen. Für sie jedoch heißt das Stichwort „Kleinersetzen“.