Kurt Vermehren: „Des Herzogs rätselvolle Reise“, ZEIT Nr. 50

Für die von Zechlin dementierte und von Vermehren bejahte Reise – die nicht nur im Zusammenhang mit dem Anastasia-Prozeß, sondern auch für die Geschichte des Ersten Weltkriegs interessant wäre – ergibt sich noch folgender, bisher offenbar nicht beachteter Hinweis: Eine streng geheimgehaltene Reise des Großherzogs nach Rußland wird für die Zeit seiner längsten Abwesenheit von Darmstadt zwischen 17. Februar und 9. April 1916 angenommen. Für diese Zeit notiert der großherzogliche Flügeladjutant „im Felde bei Verdun“. Wenn nun der Großherzog in dieser Zeit im Felde gewesen wäre, dann könnte er nur seine bei Verdun gewesene 25. hessische Division besucht haben. In meinem Besitz befindet sich die Regimentsgeschichte des 1. Großherzogl. Leibgarde-Inf. Regts. 115 (erschienen 1921 im Belser Verlag, Stuttgart). Während dort zu anderen Terminen großherzogliche Besuche bei seinen Leibgardisten erwähnt werden, findet man im Jahre 1916 keinerlei Hinweis auf einen solchen Besuch. Die Nicht-Erwähnung großherzoglicher Besuche bei seinem Leibgarde-Regiment im Jahre 1916 dürfte doch als Beweis dafür angesehen werden, daß der Großherzog – entgegen der Eintragung seines Flügeladjutanten – während seiner damaligen langen Abwesenheit von der Residenz nicht im Felde bei Verdun war.

Dr. H. von Groll, Worms

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Der Aufsatz von Kurt Vermehren ist gewiß geeignet, die Spannung der prozessualen Auseinandersetzung über die Identität der Frau Anderson zu erhöhen. Nachdem ein anthropologisches und ein graphologisches Gutachten für die Personengleichheit mit der Zarentochter sprachen, wird hier von ihrem Rechtsanwalt die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen demonstriert. Dennoch muß ich zum vierten Male die von Frau Anderson behauptete Reise des Großherzogs von Hessen nach Rußland verneinen.

Vermehren weist darauf hin, daß der Flügeladjutant v. Massenbach für die Zeit vom 7. bis 21. Oktober 1916 die Abwesenheit des Großherzogs verzeichnet, „ohne jede Anmerkung, wo sich der Großherzog befunden hat“. Und er zieht dazu eine Anmerkung des Herausgebers der Tagebücher Admirals v. Müller heran, in der Walter Görlitz eine von diesem – am 4. Oktober 1916 – Aufgezeichnete Äußerung Wilhelms II. auf Vermittlungsversuche des Großherzogs von Hessen bezieht und es für wahrscheinlich hält, daß dieser inkognito in Petersburg gewesen sei.

Demgegenüber ist festzustellen: