O. v. L., Traunstein

Die zahlreichen Wetten, ob die Traunsteiner ihren Landrat, den sie bereits am 30. April 1958 offiziell losgeworden sind, in absehbarer Zeit nun wirklich loswerden, laufen notgedrungen jetzt auch für 1961. Die Belustigung indessen, mit der Traunsteins Einwohner zunächst das Treiben ihres abgewählten Landrats beobachteten, ist schon seit geraumer Weile einem echten Grimm gewichen.

Traunstein, die wacker aufstrebende Stadt des Chiemgaus, erhielt bald nach Kriegsende einen Landrat namens Hans Unnützer, dessen Person in Verbindung mit gewissen Eigenarten schnell zu einem naheliegenden Wortspiel Anlaß bot. Gewisse Skurrilitäten freilich behagten den Traunsteinern zunächst. Für einen echten Oberbayern gibt es kein größeres Lob als das Wort „barock“; und solange Unnützer als „barock“ galt, durfte er des Beifalls seiner Traunsteiner gewiß sein.

„Barock“ dünkte es beispielsweise, wie der Landrat bei der Eröffnung der neuen Landwirtschaftsschule Traunstein in Erscheinung trat. In Gegenwart von Bayerns damaligem Stellvertretenden Ministerpräsidenten und Landwirtschaftsminister Dr. Baumgartner hielt Unnützer eine Rede, in der er den „unnötigen Luxus“ des Gebäudes anprangerte und dann mit Pathos schloß: Ich eröffne die Schule, nachdem sie nun einmal steht.“

Schon nicht mehr ganz „barock“ schien den Traunsteinern aber die Art, wie Unnützer gegen einen Cafetier vorging, dessen Lokal genau gegenüber dem Landratsamt liegt, in dem Unnützer auch über eine Dienstwohnung verfügte. Nachdem er über die Behörden nichts gegen den Cafétier zu erreichen vermochte, da der andere nachweislich seine Gäste schier unermüdlich ermahnte, auf dem Heimweg ja ruhig zu sein und den Schlaf des Herrn Landrat nicht zu stören, eröffnete Unnützer eine Art von Partisanenkrieg.

Monatelang hockte er abends am offenen Fenster. Fuhr ein Auto in der Nähe des Cafés vor, glitt der Landrat, Bleistift und Stenoblock in der Hand, die Treppe hinunter, notierte sichtbarlich die Autonummer und begab sich wieder nach oben. Mitunter schüttete er auch Wassergüsse aus Blechgefäßen auf Besucher des Lokals oder Leute, die er dafür hielt. Schließlich schaffte er sich eine Photoausrüstung an und knipste mit Hilfe eines Blitzlichtes Personen, die das Café nach der Sperrstunde verließen. In erster Linie bannte er jedoch Kellner und Musikanten auf seine Filme, dazu eine Serie von Traunsteiner Stadtpolizisten.