Das Börsenjahr 1960 erlebte – nach enttäuschungsvollen Wochen – einen überraschend freundlichen Ausklang. Die Politik, die in den zurückliegenden zwölf Monaten den Aktienkursen manchen Rückschlag brachte (sie erholten sich jedoch jeweils sehr schnell), sorgte diesmal für eine hoffnungsvolle Stimmung. Nach dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Handelsabkommens und des neuen Interzonen Handelsvertrages glaubt man, in den Börsensälen hoffen zu dürfen, daß man sich mit den Sowjets über Berlin verständigen kann. Man schließt daraus: Vorläufig keine Berlin-Krise!

Zwar sind damit die beunruhigenden Verhältnisse in Belgien, in Laos und im Kongo nicht aus der Welt geschafft, aber hierbei handelt es sich – für die deutschen Börsen um Störungsfaktoren zweiter Ordnung. Kommt es dagegen zu einer ernsthaften Spannung um Berlin, dann würde es nicht nur bei den sogenannten Berlin-Werten Rückschläge geben, sondern darunter würden auch alle anderen deutschen Aktien leiden. Man müßte in diesem Falle nämlich nicht nur mit einem Verkauf deutscher Wertpapiere durch die internationale Spekulation rechnen, darüber hinaus dürften sich auch deutsche Anlegergruppen veranlaßt fühlen, ein größeres Gewicht auf die regionale Risikostreuung zu legen. Nun, diese Gefahr scheint vorerst gebannt zu sein.

Daß die Berliner Aktien von der politischen "Entspannung" profitiert haben, ist verständlich. So konnten Schultheiß, Schering, Bekula und einige andere Papiere kleinere Kursgewinne erzielen. Daß man jedoch bei diesen Werten mit Zurückhaltung operiert, beweist die Kursentwicklung von Bekula. Die Berliner Kraft- und Licht AG (Bekula) ist ein Berlin-Wert "reinsten Wassers". Das Unternehmen kann keine "Stützpunkte" auf dem Gebiet der Bundesrepublik errichten, denn die Stromkonzessionen sind hier vergeben. Ihr Tätigkeitsgebiet ist Berlin und muß Berlin in jedem Falle bleiben. Sehr viele andere Berliner Unternehmen haben sich in den letzten Jahren Produktionsstätten und Absatzgebiete in der Bundesrepublik geschaffen, teilweise sind Berliner Unternehmen nur noch mit dem Namen der ehemaligen Reichshauptstadt verbunden. Alles das geht bei Bekula nicht. Die Folge: Das Papier, auf das es eine Dividende von 10 vH gibt und bei dem ein Bezugsrecht in Aussicht steht, wird nur mit 175 vH gehandelt. Die Aktien der Hamburgischen Electricittäs-Werke (HEW), die lediglich mit 9 vH Dividende bedient werden, dagegen zu 275 vH. Wenn man so will, kann man sagen, daß bei Bekula das "Berlin-Risiko" mit mehr als 100 Punkten bewertet wird.

Die Geschäftsbelebung zur Jahreswende, die ihren Anstoß von der Politik her erhielt, wäre allerdings nicht zustande gekommen, wenn nicht gleichzeitig die Bewegungsfreiheit der Anleger zugenommen hätte. In den letzten Wochen haben sich auf ihren Konten erhebliche Beträge angesammelt, die für den Wertpapierkauf bestimmt sind. Erfahrungsgemäß wartet das Publikum jedoch mit dem "Einsteigen", bis der Zug abfährt. Es braucht einen Anstoß.

Im neuen Jahr kann auch der Berufshandel wieder großzügiger disponieren, und selbst die Banken, bislang gehemmt durch die Jahresabschlußarbeiten, brauchen ihre Taschen nicht mehr so ängstlich zugeknöpft zu halten, wie dies in den letzten Wochen der Fall war. Ein vollles Jahr liegt vor den Händlern der Kreditinstitute, also sehr viel Zeit, um schiefliegende Positionen wieder geradebiegen zu können.

Geld zum Aktienkauf steht also zur Verfügung, besonders nach dem großen Zinstermin am 2. Januar. Aber man darf die Wirkung dieser Summe auf die Aktienkurse nicht überschätzen, Sie reicht nicht aus, um eine neue Hausse in Szene zu setzen. Zumal bei steigenden Kursen mit einem Anwachsen der Verkäufe zu rechnen ist. Die Spekulation hat sich für 1961 auf Kursschwankungen eingestellt. Sie wird sich von ihren Papieren lösen, sobald die kalkulierten Gewinnmargen erreicht worden sind. Hinzu kommen noch echte Geldbeschaffungsverkäufe, auch von Seiten des Publikums. Mancher Unternehmer wird Aktien seines Privatvermögens veräußern müssen und wollen, um damit Investitionen zu finanzieren. Die Rechnung ist einfach: Bleiben Kursgewinne großen Stils bei den Aktien aus, dann ist es vernünftiger, die Gelder dem Betrieb zur Verfügung zu stellen und damit Kreditzinsen zu sparen. Zumal ja jederzeit wieder umgeschaltet werden kann, wenn sich die Verhältnisse verändern.

Für die Börsenstimmung wird es wesentlich sein, wie die 1960er Dividenden ausfallen werden. Schon in den nächsten Wochen fallen die ersten Entscheidungen. Vorangehen werden einige Banken, die aus Tradition Wert auf eine schnelle Beendigung der Abschlußarbeiten legen und stolz darauf sind, möglichst frühzeitig ihren Aktionären Rechenschaft geben zu können. Ihnen fällt in diesem Jahr eine große Verantwortung zu. Es ist kein Geheimnis mehr, daß viele Vorstände in bezug auf die Dividendenausschüttungen kurz treten möchten. Das wird ihnen um so leichter fallen, wenn sie sich auf schlechte Vorbilder berufen können. Schon heute äußern Börsenexperten die Befürchtung, daß wir zwar mit "Bombenabschlüssen", aber nicht mit Rekord-Dividenden rechnen können. Die Thesaurierung dürfte wieder einmal groß geschrieben werden. Aber bei vernünftiger Überlegung braucht sie sich nicht in sinkenden Kursen zu dokumentieren. Die aufgegliederten Gewinn- und Verlustrechnungen werden offenbaren, was tatsächlich verdient worden ist. Wir werden ungefähr errechnen können, wieviel in die offenen und stillen Rücklagen gegangen ist. Höhere Rücklagen lassen jedoch die Aussichten auf Berichtigungsaktien steigen – und das wird man in den Kursen auch zum Ausdruck bringen dürfen!

Kurt Wendt