Von Peter Mörser

Die Schweiz ist eine Entdeckung der Engländer aus dem 19. Jahrhundert, welche in Deutschland – trotz Goethe – nur für Lungensanatorien bekannt war. Alpinisten und Modekranke überzogen im fin de siècle wesentliche Teile der Schweizer Alpen mit einem Gründerzeit-Firnis, der es Thomas Mann ermöglichte, seinen Zauberberg zu schreiben, und dem reisenden Lord die Genugtuung gab, seinen Five o’clock in jeder Höhe zu schlürfen und die Aussicht auf den Aletschgletscher – sollte sie ihn verdrießen – mit einer Plüsch-Portiere zu verschließen. Nach einem weniger bedeutenden Interregnum von 1914 bis 1954 kam dann die Zeit wirtschaftlicher Hochkonjunktur (nicht nur in Deutschland!): Längst aufgegebene Hotelpaläste auf einsamer Höhe wurden wieder möbliert und sogar Ausnahmen vom generellen Hotelbauverbot wieder zugelassen. Neue Orte schossen empor und alte bemühten sich, die Gründerzeitfassaden modern aufzuputzen – mit wechselndem Erfolg, denn nichts ist haltbarer als Jugendstil.

Diese Entwicklung soll – zum Nutzen der Wintersportler – an einigen Beispielen gezeigt werden. Freilich soll hier nur von den kleineren Stationen die Rede sein – auf Kosten der großen Ballungszentren des Skibetriebes, die neben ihren Annehmlichkeiten auch beachtliche Schattenseiten haben, nicht nur fürs Portefeuille, auch fürs Gemüt.

Die kleinen Perlen der Schweizer Alpen gliedern sich – ihrem Geiste nach – in deutschsprachige und „welsche“. Die welschen Orte haben im Durchschnitt die besseren Tanzorchester und die schnelleren Skilifte; dafür sind dort noch weniger Bergführer gegen gutes Geld für Skitouren zu haben, und bei schlechterem Wetter findet der Wintersport überhaupt eher im Saale statt. Eine „welsche“ Erfindung, die sich allerdings auch in der deutschen Schweiz immer mehr durchsetzt, sind die mietbaren Chalets. Das sind keineswegs immer Holzhäuser, wie der Name sagt, sondern oft Appartements mit allem wünschbaren Komfort von der Ölheizung bis zur Waschmaschine, in denen man sehr preiswert – ich bezahlte in den letzten Jahren durchschnittlich 20 bis 25 Franken je Kopf und Woche – sein eigenes, trinkgeldfreies Familienleben führen kann. Da man sich aus Schweizer Konsumläden eher billiger verpflegt als daheim, ist diese Art der Winterferien für fast jedermann erschwinglich; es kommt nur noch auf Finanzdisziplin im Umgang mit Bergbahnen und Bardamen an. Die Chalets haben überdies den Vorteil, daß man alles, von Vaters Schifferklavier bis zum Laufstall des Jüngsten und der Großmama als Babysitterin, darin unterbringen kann.

Topologisch müssen die kleinen Stationen nach ihrer Schneesicherheit und dem Schwierigkeitsgrad des Geländes unterschieden werden. Ich greife vier Orte heraus; jedem von ihnen sind (bei allem Komfort) überaus „zünftige“ Seiten abzugewinnen: Flims, Sedrun, Montana-Crans und Verbier.

Flims – auf der Nordseite (Südhang!) des Vorderrheintals, eine Bus-Stunde von Chur entfernt, an einer vorzüglichen Autostraße – liegt nicht sehr hoch (1000 bis 1100 Meter). Die neue Bahn auf den Cassonsgrat (2700 m) erschließt jedoch das riesige Skigebiet des Flimser Berglands mit nur wenig vergletscherten Dreitausendern. Sie sind fast alle mit Skiern ziemlich bequem zugänglich (Piz Segnes, Piz Grisch, Vorab, Piz Dolf, Piz Sardona). Allein schon die Pisten vom Cassonsgrat nach Flims hinunter gehören mit ihrer 1700 Metern Höhendifferenz von den Steilhängen der Gletscherregion über die kilometerlangen Schußstrecken im Flimser Bergwald zum Schönsten, was alpiner Skilauf bieten kann. Die Flimser Touren haben den Vorteil, daß sie oft begangen werden, also meist eingespurt sind. Verglichen mit dem Wallis oder der Bernina sind die Gefahren des Geländes hier gering.

Sedrun – auf 1500 Meter nahe der Quelle des Vorderrheins an der Oberalp-Paßstraße – ist ziemlich abgelegen, aber mit der Oberalpbahn über Chur oder Andermatt gut zu erreichen, mit dem Auto nur über Chur, da der Paß nicht offengehalten wird. Sedrun ist ein fast unverdorbenes Tourengebiet, völlig schneesicher und ohne Platz für Pelzmantelalpinisten. Nur ein relativ kleiner Skilift erleichtert das Eingewöhnen. Die Bergführer gehören zu den wenigen in der Schweiz, die das Bergauflaufen noch beherrschen. Wer anderswo in der Skischule übers Pistenschlittern nicht hinauskam, wer weinend im Neuschnee saß und solange Skatspielen mußte, bis der Pistendienstmann mit der Walze passiert war, kann die Lehre hier nachholen.