Von Josef Müller-Marein

Für das Amt des Generalmusikdirektors hat Hamburg den Dirigenten Wolfgang Sawallisch verpflichtet. Der Künstler hat bereits als regelmäßiger Gast die Konzerte des Philharmonischen Orchesters geleitet. Es binden ihn außerdem Verträge mit den Wiener Sinfonikern und dem Kölner Opernhaus.

Wolfgang Sawallisch, der neue „Musikgeneral“ Hamburgs, ist in München geboren, und bayerischer Stimmklang ist dem Orchester, das er dirigiert, vertraut: Auch seine Vorgänger – Joseph Keilbert und Eugen Jochum – waren Bayern. Er ist 37 Jahre alt, und das Verblüffendste seiner Laufbahn ist wohl, daß er an der berühmten Musikhochschule seiner Vaterstadt nur ein einziges Semester studierte, und dies obendrein im Hunger- und Frierwinter 1945/46. Er war aber ein guter Pianist, hatte von Jugend auf eifrig Harmonielehre, Kompositions- und Instrumentierkunde betrieben, bestand füglich sein Kapellmeisterexamen, kam als Korrepetitor in die Städtischen Bühnen in Augsburg und bestätigte hier den alten Satz: „Dirigent wird man nicht, man ist es!“

Er diente sich zur Ersten Kapellmeister empor und wurde, nachdem er 1952 ein Konzert der Berliner Philharmoniker geleitet hatte, als Generalmusikdirektor nach Aachen berufen, in die Stadt, die nicht erst zu Zeiten Karajans, der hier ebenfalls „General“ gewesen ist, sondern schon zu Zeiten Leo Blechs, des gebürtigen Aacheners, als ein erstklassiges „Sprungbrett“ für Dirigenten von Format angesehen werden darf. Sawallisch blieb hier fünf Jahre, wirkte dann zwei Jahre in Wiesbaden als Generalmusikdirektor und verpflichtete sich danach als musikalischer Oberleiter der Kölner Oper und als Chefdirigent der Wiener Sinfoniker – jenes Orchesters, das mit Recht oft mit den berühmten „Wiener Philharmonikern“ verwechselt wird, denn es ist ebenso gut.

Obwohl die Ämter, die er bereits in Wien und Köln innehat, „große Positionen“ sind, hat es den Anschein, daß Sawallisch gezögert hat, ehe er die Chance wahrnahm, in der Hansestadt an der Elbe den Platz vor einem Orchester einzunehmen, deren Chefs einst Karl Böhm, Otto Klemperer, Karl Muck, Gustav Mahler gewesen waren. Und zweierlei wird anerkennend vermerkt: daß er nichts. von einem „Star“ habe und daß es das Orchester war, das sich für die Berufung am energischsten eingesetzt hat. Obwohl Hamburg bisher nie Wert auf „kommende Männer“, sondern auf bereits arrivierte Persönlichkeiten legte, wird Sawallisch, der noch immer eher eine „große Hoffnung“ als schon eine sichere Gerantie für überragende Leistungen darstellt, es in der Hansestadt leicht haben, weil er schon heute das Vertrauen des Orchesters ganz und die Zuneigung des Publikums zum großen Teile besitzt.

Auf die Frage, mit welchem Meister der Musik er sich am liebsten beschäftige, erwidert Sawallisch: „Mit Mozart.“ Es gibt keine „Wagnerianer“ mehr in der jüngeren Generation der Dirigenten, es gibt nur „Mozartianer“ – wobei meist zugestanden wird, daß keine Orchestermusik so schwer zu realisieren sei wie diese. Sawallisch sagt es mit Demut. Zwar gibt er zu, daß wir nur ahnen, aber nicht wissen können, wie die Musik der Klassiker gemeint gewesen sei und wie sie in ihrer Gegenwart geklungen habe; aber dies ist ihm kein Freibrief, an Hand der alten Partituren nach neuen Effekten zu haschen. Für das, wa; er will, hat er ein schönes, einfaches Wort. Er will „das Natürliche“. Wer „Mozartianer“ in diesem Sinne ist – und Hamburg hat das Glück, daß bereits ein bedeutender Dirigent dieser Art hier wirlt: der Chef des NDR-Sinfonieorchesters Schmidt-Isserstedt – findet erfahrungsgemäß leicht den Zugang auch zur modernen Musik, soweit sie das Signum des „Natürlichen“ trägt. Sawallisch bewies es, als er unlängst das Oratorium „Das Unaufhörliche“ aufführte und durch eine glänzende Darstellung ’deutlich machte, wie sehr dies Werk aus der Sturm- und Drang-Epoche Paul Hindemiths nach dem Text Benns es verdient, auf den Konzertprogrammen zu bleiben.

Dies ist nun freilich ein Beispiel dafür, was von einem Kapellmeister erwartet werden muß, der sich nicht als Gastdirigent darauf beschränkt, ein anregender, faszinierender Künstler zu sein, sondern der das Konzertleben einer Großstadt entscheidend bestimmt. Welche Aufgabe! Reisende Dirigenten – das ist kein Zufall – pflegen sich auf die bekannten Stücke zu konzentrieren, die das Publikum verlangt. Dem Generalmusikdirektor aber gibt die feste Bestallung Gelegenheit und Pflicht, auf lange Sicht die Programme zu bestimmen, ohne im einzelnen auf Erfolg und Beifall erpicht zu sein. Dabei reichen die Sorgen und Aufgaben des „Generals“ weit über die Konzerte hinaus.

Die deutschen Orchester sind allesamt in Gefahr, weil ihr künstlerischer Nachwuchs spärlich ist und weil die Besoldung zu wünschen läßt. Den reisenden „Pultstar“ interessiert dies nicht; den Generalmusikdirektor muß es interessieren. Unter den Forderungen, die man an ihn stellt, lautet noch die geringste, daß er – zieht er eines Tages wieder davon – das Orchester nicht in schlechterem Zustande verlassen dürfe, als er es angetroffen hat.

Bei alledem aber kommt es darauf an – so sollte man meinen –, daß der „General“ seine übrigen Verpflichtungen so weit wie möglich einschränkt und daß er auch wirklich anwesend sei in seiner Stadt. Und tatsächlich haben beispielsweise die Stadtväter Kölns vernünftig gehandelt, als sie gleich nach dem Kriege den damals blutjungen Dirigenten Günther Wand zum Generalmusikdirektor auf Lebzeiten verpflichteten. Aber andererseits passiert es dann leicht, daß es den Musikfreunden auch wieder nicht genügt, im Generalmusikdirektor den Bewahrer einer großen städtischen Tradition und den Wegweiser zum Wertbeständigen der Moderne zu haben, sie verlangen auch noch den interessanten, wundersamen Stern, der von draußen kommt, aber termingemäß leuchtet: so Wand gelegentlich in Paris, so Sawallisch regelmäßig in Köln und Wien.

Indessen bleibt das stille Beispiel bestehen, das Leo Blech in jener Zeit gab, in der die Staatsoper Berlin und die Staatskapelle zur Weltgeltung aufstiegen. Viele Berühmte kamen, blieben ein paar Jahre und gingen. Aber Blech bestimmte das Niveau – und dies nicht, weil er besser war als sie, sondern weil er „da“ war: er, der Generalmusikdirektor ...