Tumult in Marburg – Staatsangehörigkeit: deutsch. (DDR) – Rabauken erteilen „Belehrung in Demokratie“

Von Hans Gresmann

Marburg, im Januar

Gleich unterhalb der kleinen Bühne, deren dünner Theatervorhang sonst zuweilen vor den Darbietungen einer örtlichen Laienspielergruppe in die Höhe flattert, stand ein Biertisch. Darüber war eine blaukarierte Decke gebreitet, die ihrerseits die Unterlage abgab für eines jener simplen Rednerpulte, wie sie in deutschen Wirtshäusern für Vereinstagungen bereitgehalten werden.

Hinter diesem Biertischkatheder stand ein großer, schlanker Mann, dessen Gesicht fahl war und auf dessen hoher Stirn im Licht der Jupiterlampen Dutzende von kleinen Schweißperlen wie Tautropfen glänzten. Den Menschen, die sich vor ihm in den überfüllten Raum drängten – 200 Studenten etwa und 100 Journalisten – rief er zu: „Seien Sie nicht so nervös, ich bin ja auch ruhig!“ Dabei blätterte er fahrig in seinem Manuskript hin und her. Wenige Augenblicke später wischte er ein Glas Wasser vom Tisch und sagte: „Oh.“

Diese theatergerechte Szene gehört zu jenem Akt der deutschen Tragödie, von dem hier zu berichten ist. Ort der Handlung: Marburg, eine deutsche Kleinstadt. Zeit der Handlung: Freitag, der 13. Januar 1961. Der Hauptakteur, der Mann hinter dem Biertischkatheder, hatte am Nachmittag dieses Tages mit dem unglückseligen Datum seine Identität auf dem Meldeschein des Kurhotels Ortenberg so vermerkt: Name – Dr. Johannes Dieckmann; Beruf – Präsident der Volkskammer der DDR; Staatsangehörigkeit – deutsch (DDR).

Mercedes mit Ostberliner Nummer

Dies war denn also der Anfang: Vor dem Portal des Hotels hielten ein Mercedes 220 und ein Sachsenring-Horch, beide mit Ostberliner Nummern. Ihnen entstiegen Dr. Dieckmann und seine fünf geheimnisvollen Begleiter (der persönliche Referent Hanemann, zwei „Mitarbeiter“ und zwei „Fahrer“). Die Akteure begaben sich sogleich auf ihre Zimmerflucht im dritten Stock und warteten auf die zweite Szene.

Wie jede Theaterbegebenheit eine Vorgeschichte hat, so auch diese. Sie setzte ein im März 1960, als der Chemiestudent Klaus Horn von der Philipps-Universität zu Marburg an der Lahn zur Messe nach Leipzig fuhr. Dieser Klaus Horn, heute 24 Jahre alt und im zehnten Semester, ist der zweite Protagonist in unserem Schauspiel – wiewohl nicht gerade Gegenspieler des Dr. Dieckmann. Er, der zwei Jahre lang das Gesamtdeutsche Referat im Allgemeinen Studentenausschuß der Philipps-Universität verwaltet hat und seit geraumer Zeit Vorsitzender der Marburger Gruppe des Liberalen Studentenbundes ist, fuhr also auf Einladung der Liberaldemokratischen Partei der Zone nach Leipzig. Weder war dies sein erster Besuch „drüben“ (es war der vierte), noch war er der einzige westdeutsche Liberale, der während der letzten Jahre die Diskussion jenseits der Zonengrenze suchte (auch Erich Mende hatte es ja 1956 einmal in Weimar getan).

Horn begann wider den Stachel zu locken, als sich die Parteileitung kategorisch gegen alle weiteren „Ostkontakte“ aussprach. Er hatte in Leipzig mit Dieckmann ein „interessantes“ Gespräch geführt – und ihn dabei kurzerhand zu einem Vortrag über die „realen Möglichkeiten der deutschen Wiedervereinigung“ nach Marburg eingeladen. Allein, die Sache klappte nicht gleich. Als dann, nach fast einem Jahr, ein Termin gefunden war, der beiden Seiten paßte, wollte Horn zu seinem Wort stehen – mochte auch der Parteiwind umgeschlagen sein.

Und als sich dann der große Sturm gegen ihn erhob, als die Kreisverbände aller Parteien in Marburg lauthals gegen die Einladung protestierten und die eigene Partei ihn ausschloß, da erwachte sogar der Trotz in dem pausbäckigen Studenten. Und in der Sonne unerwarteter Popularität verteidigte er seine gute Sache mit dummen Argumenten. Gefragt, weshalb denn gerade Dieckmann komme, erklärte er, ein Gespräch sei mit diesem „alten Liberalen“ vielleicht noch am ehesten möglich – statt zu sagen: „Diesen habe ich nun einmal kennengelernt, und im übrigen soll doch von drüben kommen, wer immer es wagt. Unsere Sache ist so gut, daß wir die Diskussion mit niemandem scheuen!“

Die Proteste, die da in Marburg gegen den Besuch des Ulbricht-ergebenen Scheinliberalen aus Ostberlin hagelten, konnten Dieckmann nicht am Reisen hindern. Und auch der Versuch des CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Martin, beim hessischen Innenminister Schneider ein Vortragsverbot zu erwirken, schlug fehl. Schneider erklärte, es fehle die rechtliche Handhabe für ein solches Verbot: „Wenn ein Repräsentant der sowjetischen Besatzungszone in Marburg aus seiner Sicht über die Möglichkeiten der deutschen Wiedervereinigung sprechen und sich einer Diskussion stellen will, werden damit die verfassungswidrigen Ziele der KPD nicht erweisbar gefördert. Nur in einem solchen Fall ist ein Präventivverbot nach dem Versammlungsgesetz zulässig.“ So rollten denn also die beiden Ostberliner Wagen nach Marburg.

Als sich der Vorhang über der zweiten Szene hebt, hat sich der Schauplatz gewandelt. In dem kleinen Kurhaus Marbach, etwa zwei Kilometer vom Stadtzentrum Marburgs entfernt – ist der Veranstaltungsraum schon um 19 Uhr gerammelt voll (er wird sonst, wenn die Laienspieler ihn nicht brauchen, von den Korporationen als Paukboden benutzt). Wer keine Eintrittskarte ergattern konnte (Unkostenbeitrag 50 Pfennig), hatte keine Chance, den dichten Polizeikordon passieren zu dürfen. Im Saal haben die Film- und Fernsehleute – darunter auch die Männer von der „Roten Optik“ – längst ihre Scheinwerfer in Stellung gebracht.

Um 19.30 Uhr wird es plötzlich unruhig im Vorraum. Ein Polizeioffizier stürzt herein und brüllt zum ersten Stock hinauf: „Eine Gruppe von zehn Mann fertigmachen, aber Beeilung!“ Trampeln auf den Treppen, im Laufen wird noch das Koppel geschlossen, an dem der Gummiknüppel hängt. Am Ärmel tragen die Polizisten ein kleines Dreieck mit der Aufschrift ‚Landespolizei Hessen“ – drei Hundertschaften sind zur Verstärkung nach Marburg geschafft worden.

Wenige Augenblicke später ertönt von draußen Gejohle. Sprechchöre brüllen: „Pfui, Dieckmann!“ Dann steht Johannes Dieckmann, deutscher Politiker (DDR), am Eingang des Kurhotels. Ein Dutzend Polizisten hat ihn umringt. Er will zu den Demonstranten sprechen. Sie schreien ihn nieder. Mit einem Achselzucken wendet er sich ab. Gedränge um ihn, Blitzlichter. „Darf denn“, fragt er und gibt sich dabei eine gemessene Haltung, „außer den Photographen vielleicht auch noch der Referent den Saal betreten?“ – „Frech ist er auch noch!“ ruft einer.

Es vergehen ein paar Minuten, dann erhebt sich am Präsidiumsbiertisch Klaus Horn und begrüßt „unsern Gast, den Herrn Kammerpräsidenten“ – wofür er das erste Zischen im Saal erntet.

Die „Drehbühne“ schwenkt und gibt den Blick frei auf einen Fußballplatz, ein paar Steinwürfe entfernt vom Kurhaus Marbach. Hier ist in diesem Augenblick der Demonstrationszug eingetroffen, der im Schweigemarsch von Marburg herangezogen kam. Es ist unangenehm kalt, und niemand hat gedacht, daß viele Menschen mitmachen würden. Nun sind es viertausend bis fünftausend – mindestens dreiviertel von ihnen Studenten. Es ist die größte aller Demonstrationen, die in der Chronik der Philipp-Universität verzeichnet sind. Die Studenten haben Transparente mitgeführt („Freiheit für die Zone“) sowie einen Sarg, der symbolisieren soll, daß in Ulbrichts Staat die Freiheit getötet wurde. Wichtigstes Requisit aber ist eine „Spalter-Flagge“; sie wurde zum Preis von 28 DM vom örtlichen Pelzhaus Evers hergestellt. Aus dieser Fahne wird auf dem Fußballplatz das Zonensymbol herausgeschnitten, das man – mit Hilfe von fünf Feuerzeugen – alsogleich in Brand setzt. Es erklingt die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Damit ist die Demonstration beendet, die – wie angekündigt –„in würdiger, akademischer Form“ verlief. Die Teilnehmer werden aufgefordert, nach Hause zu gehen. Aber wer will schon nach Hause gehen, wo es doch jetzt erst richtig anfängt?

„Hängt ihn auf!“

Im Saal steht unterdessen schon der „Herr Kammerpräsident“ am Rednerpult und beginnt seinen Vortrag mit einer scharfen Antwort an Klaus Horn, der in seiner Einleitung von den zwei deutschen Staaten gesprochen hat, deren einer „sich auf die Akklamation des Volkes berufen kann, während der andere seine Entstehung der stalinistischen Erfindung der Revolution von oben verdankt“. Und schon jetzt werden die hellen, etwas wässerigen Augen des „alten Liberalen“, die noch vor ein paar Minuten so bieder-freundlich in den Saal geblickt haben, kalt und schmal.

Dann greift Dieckmann zu seinem Manuskript und beginnt den Wiedervereinigungs-Vortrag – eine Litanei von abgestandenen Propagandaphrasen, die zu zitieren nicht lohnt, weil man sie Tag für Tag im „Neuen Deutschland“ nachlesen kann.

Währenddessen haben sich etwa zweitausend Demonstranten an das Haus gedrängt. Die Polizei läßt sie bis auf drei Meter herankommen. Die Sprechchöre sind jetzt so laut, daß schon die Zuhörer in der zehnten Reihe Dieckmann zuweilen nicht mehr verstehen können.

Er spricht gerade von Raketen und atomarer Aufrüstung. Da kommt von draußen ein Schrei aus vielen Kehlen: „Dieckmann raus, hängt ihn auf!“ Der Redner stockt, seine Lippen beginnen ein wenig zu zittern. Mit einer vagen Handbewegung deutet er zum Fenster: „Da haben Sie Ihre Demokratie. ‚Hängt ihn auf – wie gehabt, meine Damen und Herren!“

Um 20.59 Uhr splittert die erste Scheibe. Gleich darauf noch eine und noch eine. Die am Fenster sitzen, beginnen zu flüchten. Die Unruhe im Saal ist so groß, daß Klaus Horn Mühe hat, sich verständlich zu machen: „Wir müssen die Versammlung abbrechen. – bitte, verlassen Sie langsam den Raum!“

Doch keiner geht. Draußen ist es womöglich noch unruhiger. Nach ein paar Minuten ebben die Sprechchöre etwas ab, und es fliegt auch eine Zeitlang kein Stein mehr. „Versuchen wir es noch einmal“, meint Horn.

Dieckmann fischt aus seinem Manuskriptstoß ein paar Blätter heraus. „Ich will Ihnen wenigstens einige Thesen vortragen.“ Er wird nervöser und aggressiver von Minute zu Minute.

Da .zerklirren wieder Scheiben, und die Sprechchöre hören von nun an überhaupt nicht mehr auf. Und dann kommt das Schlimmste dieser Tragödie. Ein Satz, der länger im Ohr hallt als die wütenden Rufe und das Zersplittern der Scheiben. Triumphierend schleudert Dieckmann ihn seinen Zuhörern entgegen: „Gejohle, Steinwürfe – es fehlt nur, daß noch geschossen wird. Ich danke für diese Belehrung in Demokratie!“

Feuerwerk der Fragen

Und jetzt beginnt die sogenannte Diskussion. Fragen werden auf Dieckmann abgeschossen, prasselnd wie ein Feuerwerk. Zunächst reagiert er arrogant: „Ich bin nicht bereit, Fragen zu beantworten, die sich auf Pankow oder die Sowjetzone beziehen. Wenn Sie etwas von mir wissen wollen, dann nennen Sie gefälligst unseren Namen!“

Immer mehr muß er sich drehen und winden. Gelächter schlägt ihm entgegen. Dort steht einer auf und will wissen, was er über den 17. Juni zu sagen habe. Hier verlangt einer Auskunft über die freien Wahlen: „Geben Sie Antwort, Herr Dieckmann, warum bisher drei Millionen Menschen Ihren sozialistischen Staat verlassen haben?“ Als die Antwort kommt, bei den „Republikflüchtigen“ seien nur persönliche Gründe im Spiel, will sich im Saal der Tumult für eine Minute nicht legen. Aber Dieckmann kann immer wieder entwischen. Einmal, weil ihm die Redeordnung erlaubt, auf mehrere Fragen gemeinsam pauschal zu antworten, zum anderen, weil ihn die Schreihälse und Steinwerfer draußen immer wieder willkommene Pausen verschaffen.

Und dennoch, selbst bei dieser Veranstaltung, bei der zusammen mit den Fensterscheiben auch einige unserer demokratischen Grundsätze in Scherben gingen, zeigte sich deutlich, daß in freier Diskussion kein Ostfunktionär hierzulande standzuhalten vermag.

In seiner Erregung entfuhr dem „Liberalen und Stresemann-Mitarbeiter“ Johannes Dieckmann ein Satz, den er später bereut haben mag: „Wir sind dort liberal, wo wir es sein können.“ Brüllendes Gelächter. „Lernen Sie doch erst einmal die Dinge kennen. Sie können ja nur schreien!“ Noch mehr Gelächter. „Wir haben gesehen, wohin Parteienzersplitterung führt. Am Ende der Weimarer Republik hatten wir 27 Parteien...“ – Einwurf: „Das hat Goebbels auch schon gesagt.“ Nun birst der Saal vor Lachen – und die Tautropfen auf Dieckmanns Stirn werden noch ein wenig größer.

Um 23.15 Uhr schließt Klaus Horn die Veranstaltung. Und er tut dies mit dem zarten Wunsch, daß doch jeder sein Scherflein beitragen möge, um den Fensterschaden zu ersetzen. Solche Ausgaben waren im Etat nicht vorgesehen.

Die letzte Szene hebt an. Die Verwirrung erreicht nun ihren Höhepunkt. Als die Studenten, die dem Johannes Dieckmann so arg zugesetzt haben, den Saal verlassen, brüllen die draußen: „Verräter.“ Und als der Volkskammerpräsident, dessen Amt es für die Bundesrepublik offiziell gar nicht gibt, das Weite suchen will, müssen die Polizisten eben dieser Bundesrepublik auf Studenten einknüppeln, die dem Zonenfunktionär den Weg verstellen und zu jeder Gewalttat entschlossen scheinen. Im Fond eines Polizeiautos erreicht Dieckmann schließlich sein Hotel – während die Studenten ihr Mütchen an den „Schweinen von der Polizei“ kühlen, die darauf auch nicht gerade zimperlich reagieren. Ein Akt der deutschen Tragödie, gespielt in Marburg am Freitag, dem 13. Januar 1961 ...

Auf die Tragödie folgt das Satyrspiel. Dieses fand statt am frühen Morgen des folgenden Tages. Um 5.30 Uhr verließ Johannes Dieckmann, der um 10 Uhr noch eine Pressekonferenz geben wollte, heimlich sein Hotel. Es wurde kein Licht gemacht, und die Autos huschten mit abgeblendetem Scheinwerfer davon. Ein Zettel blieb für Klaus Horn zurück: „Da das Geschrei schon in der Nacht wieder losging, mußten wir leider abreisen. ’Sorry’, Dr. Dieckmann.“

Der Mann aus Ostberlin, der als Geschlagener gen Osten hätte scheiden sollen, fuhr als Märtyrer. Das haben mit ihrem Geschrei die akademischen Rabauken getan.

Dies also war das klägliche Ende. Es schloß sich über Tragödie und Satyrspiel der Vorhang – jener Vorhang, der auch der Eiserne heißt...