b. k., Berlin

Thomas Becket, Märtyrer und Heiliger der römisch-katholischen Kirche, ist in Westberlin zu unerwarteter kommunalpolitischer Bedeutung gekommen. Anlaß ist die von dem Bühnenbildner und Regisseur Willi Schmidt besorgte Inszenierung von Anouilhs „Becket und die Ehre Gottes“ im städtischen Schiller-Theater. Während die Aufführung von den meisten Rezensenten als eines der bedeutendsten Ereignisse der Spielzeit gelobt wurde, sah sich das „Petrusblatt“, Organ des Bischöflichen Ordinariats, veranlaßt, „nachdrücklich zu protestieren“. Und zwar aus mehreren Gründen.

Die ans Fatale grenzende Freundschaft zwischen Becket und König Heinrich II. sei zwar – wie die kirchliche Wochenzeitschrift bestätigte – „in ihrem Kern historisch“. Anouilh wurde jedoch angekreidet, „Komplexe der Neuzeit und sein Wissen um die Paradoxie der Gefühle der Moderne in die Menschen des Mittelalters“ hineinprojiziert zu haben. Auch die Wendung des sinnenfrohen Weltmenschen Becket zum streitenden und leidenden Verteidiger der Ehre Gottes sei von dem Dichter nicht glaubhaft dargestellt worden: „Der Thomas Becket Anouilhs nimmt das Kreuz, wie ein Schauspieler seine Maske wählt.“

Ins Politische abschweifend resümierte das „Petrusblatt“: „Was nützt diese Scheinwelt der Irrtümer und Halbwahrheiten auf der Bühne einer Stadt, in der es um klare und letzte Entscheidungen geht?“

„Vollends zum Ärgernis“ war jedoch dem „Petrusblatt“ jene Szene zwischen Papst und Kardinal geworden, in der die beiden Sprecher auf verschieden hohen Sockeln breit und leblos wie Buddhafiguren thronen und in einem nörgelndlarmoyanten Ton um weltliche wie geistliche Würdenträger feilschen. Diese Szene empfand das Organ des Bischöflichen Ordinariats als eine „Persiflage auf Papsttum und Kirche“.

Der Zufall wollte es, daß Ende Januar für Bundespräsident Lübke, der zur Eröffnung der Grünen Woche mehrere Tage nach Berlin gekommen war, ein Besuch des Schiller-Theaters auf dem vom Protokoll vorbereiteten Terminplan stand. Er sollte sich „Becket und die Ehre Gottes“ ansehen. Aber zeitig genug bekam er einen Wink, daß es ihm als praktizierendem Katholiken schlecht anstände, diese Ärgernis erregende Aufführung durch seinen Besuch zu ehren. Nach einigen Rücksprachen disponierte er um und sah sich in der „Werkstatt“ des Schiller-Theaters Altberliner Possen an. Freilich war auch dieser Besuch nicht ganz nach seinem Geschmack, denn man gab Glaßbrenners „Menagerie“, bei der die Zuschauer als Statisten mit ins Spiel gezogen werden. Lübke fiel dabei die Rolle eines Waschbären zu und seinem persönlichen Referenten die eines großen Affen.

Die Frage, ob „im. Problem mißverständliche Stücke“ einen Platz auf den städtischen Bühnen Westberlins eingeräumt werden dürfe, wurde nach dem Verzicht Lübkes auf Anouilhs „Becket“ schließlich auch im Westberliner Abgeordnetenhaus aufgeworfen. Der CDU-Fraktionsführer Endres gab zu bedenken, es könnten möglicherweise „religiöse Gefühle“ verletzt werden. Aber in der Replik, in die sich der Regierende Bürgermeister Brandt und Volksbildungssenator Tiburtius teilten, wurden diese Bedenken zerstreut. Brandt wies darauf hin, daß Berlin es seinem Ruf als weltoffener Stadt schuldig sei, keinen anderen Maßstab anzulegen als Wien und Paris. Tiburtius betonte, der Intendant des Theaters könne nicht in seiner freien Entscheidung bei der Gestaltung des Spielplans behindert werden.

Nach der Debatte bemerkten die Kontrahenten und die Zuhörer, daß Kritik und Rechtfertigung nur bedingt aufeinander abgestimmt waren. Der CDU-Sprecher hatte bei seiner Attacke vor allem an Genets „Balkon“ gedacht, der in der Spielzeit 1959/60 Aufsehen erregte, Brandt und Tiburtius aber an das Werk von Jean Anouilh, das bei jeder Aufführung ausverkauft ist.