Von Rutb Herrmann

In London soll schon ein Kriminalschriftsteller ein Buch über den Prozeß gegen den Roman „Lady Chatterley’s Lover“ von D.H.Lawrence schreiben. Sein Auftraggeber ist der Penguin-Taschenbuch-Verlag, der elf Exemplare der ersten ungekürzten englischen Ausgabe des Romans hatte drucken lassen, diese zu vorher der Polizei bekanntgegebener Stunde an eine Bahnhofsbuchhandlung ausgeliefert und anschließend Selbstmzeige wegen Verbreitung eines obszönen Buches erstattet hatte. Nach dem Urteil „Nicht obszön“ des Old Baily am 2. November 1960 verkaufte der Verlag, der so jedes Risiko vermieden hatte, in drei Tagen zweihunderttausend Exemplare und gab anschließend eine Million in Auftrag. Die Engander lasen, was sie endlich, nach fünfundzwanzig fahren, lesen durften.

Im Augenblick der großen englischen Chatterley-Renaissance erschien im Rowohlt Verlag die deutsche ungekürzte Ausgabe. Bis heute hat der Verlag 87 000 Eremplare (Ladenpreis 22,– DM) abgeliefert. Nun sind die ersten Schritte zu einem möglichen deutschen Prozeß um das ehemals so „befreiende“ Buch unternommen worden:

Der Volkswartbund, Sitz Köln, bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit, hat gegen den deutschen Verleger Strafanzeige wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften (strafbar nach 184 des Strafgesetzbuches) erstattet.

Der Volkswartbund besteht seit 1898 und hieß damals „Verein für Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“; er begründet seine Anzeige folgendermaßen: „Die Schrift ist unzüchtig, weil sie geeignet ist, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl unbefangener Leser gröblich zu verletzen. Die Schrift kann nicht als Kunstwerk angesehen werden, weil ein wahres Kunstwerk Freude an der Schönheit schafft, die vorliegende Schrift jedoch nur geeignet ist, geschlechtliche Lüsternheit, Widerwillen oder Abscheu zu erregen.“

Siebenundsiebzig anstößige Seiten zählt der anzeigende Bund auf. Sprächen die hohen Auflageziffern nicht für das Gegenteil, sollte man meinen, die Liebesgeschichte der Lady Chatterley und ihres Waldhüters, diese Mischung aus Jugendstil-Hymnus und klinisch-genauen Beschreibungen, reize nur solche Leser noch, die für den mit der Zeit entstandenen dritten „Wirkstoff“ des Buches empfänglich sind: die Komik der Freiluft-Erotik à la Fidus.

Wer banale Lüsternheit sucht, kann heute Bücher mit schärferen Dosen von Obszönität finden, in denen er sich nicht durch lange Strecken hindurchblättern muß, wie sie jene siebenundsiebzig Seiten verbinden. So anziehend, daß es Millionen jetzt lesen, kann ein von der Zeit längst überholtes Buch wohl nur werden, wenn Prozesse oder Skandale die allgemeine Aufmerksamkeit darauf lenken.