Von Robert Strobel

Pankows Propagandisten konzentrieren ihre Angriffe seit einiger Zeit wieder auf den höchsten und einflußreichsten Berufsbeamten der Bundesrepublik: auf den Staatssekretär im Bundeskanzleramt Dr. Hans Globke. In den letzten Wochen hat auch die SPD – sicherlich nicht ohne Seitenblick auf die bevorstehende Bundestagswahl – den Kampf wieder forciert, den sie seit Jahren gegen Globke führt. Den Vorwürfen, die dabei erhoben werden, ist die ZEIT seit Jahren entgegengetreten. Unser Bonner Korrespondent Dr. Robert Strobel hat den Staatssekretär gebeten, zu diesen Beschuldigungen Stellung zu nehmen. Hier seine Fragen und die Antworten Dr. Hans Globkes.

ZEIT: Herr Staatssekretär, es wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten an der Abfassung der Nürnberger Gesetze mitgewirkt. Stimmt das?

Globke: Das ist nicht wahr. Ich wußte nicht einmal von der Absicht, diese Gesetze zu erlassen. Es handelte sich hier um einen jener plötzlichen Entschlüsse, die für Hitlers Regierungsfasson so kennzeichnend waren. Man weiß heute sehr genau, unter welch hanebüchenen Begleitumständen diese Gesetze kurz vor der "Reichstagssitzung" in Nürnberg zusammengehauen wurden. Ich habe genauso wie alle anderen erst nachher von diesen verwerflichen Gesetzen Kenntnis erhalten.

ZEIT: Warum haben Sie den später so viel kritisierten Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen geschrieben?

Globke: Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß versuchte, die Wirkung der Nürnberger "Rassegesetze" durch harte Durchführungsbestimmungen zu verschärfen. Bei den Verhandlungen über diese Durchführungsbestimmungen vertraten das Innen-, das Justiz-, das Wehr- und das Wirtschaftsministerium einen maßvolleren Standpunkt als Heß. Heß ließ einen Entwurf vorlegen, nach welchem alle Personen, die auch nur zu einem Viertel jüdischer Abstammung waren sowie deren "arische" Ehegatten als "Volljuden" im Sinne der Nürnberger Gesetze zu behandeln gewesen wären. Heß beschränkte seinen Entwurf angesichts des Widerstandes, den er fand, auf Personen, die zur Hälfte jüdischer Abstammung waren und ihre Ehegatten. Aber auch diesen Entwurf habe ich (ich wurde als Personenstandsreferent im Reichsinnenministerium in die Verhandlungen eingeschaltet) so zerpflückt, daß er unter den Tisch fiel. An den übrigen Ausführungsverordnungen zu den Nürnberger Gesetzen war ich nicht beteiligt. Bei den Verhandlungen wurde schließlich ein Kompromiß erzielt, der unter den gegebenen Umständen die beste Lösung brachte, so unbefriedigend sie natürlich an sich auch war.

Während der Verhandlungen überraschte mich Staatssekretär Stuckart mit der Aufforderung, zusammen mit ihm einen einschränkenden Kommentar über die Nürnberger Gesetze zu schreiben. Damit könnte man, so meinte er, den Tendenzen von Rudolf Heß nach einer extensiven Auslegung des Gesetzes entgegenwirken. Auch die Behörden legten die Gesetze in vielen Fällen in dem für die Betroffenen ungünstigsten Sinne aus. Nach einer Bedenkzeit erklärte ich mich zur Abfassung des Kommentars bereit. Ich hätte ihn aber nicht geschrieben, hätte ich bereits damals die spätere Entwicklung der "Judenfrage" vorausgesehen. Ich habe daher auch keine weitere Auflage herausgegeben. Unter den damaligen Umständen war der Kommentar für viele rassisch diskriminierte Personen ein Schutz. Das haben mir zahlreiche Personen, die von den Nürnberger Gesetzen betroffen waren, bestätigt.