Von Thilo Koch

New York, Anfang Februar

Die hübscheste und natürlich dadurch auch teuerste Gegend New Yorks ist die Fifth Avenue am Central Park. Dort erwarb die Bundesrepublik Deutschland ein schönes altes Haus und machte es zum Goethe-Haus.

Die amerikanische Öffentlichkeit räumte in diesen Tagen den deutschen Bemühungen, mit Goethe fürs geistige Deutschland zu werben, beträchtliche Publizität ein. Es war allerdings weniger das Goethe-Haus als das Gründgens-Gastspiel, mit dem man sich sehr aufmerksam befaßte. Der große Mann aus Hamburg mag selbst überrascht gewesen sein über die Ausführlichkeit und Anzahl der Premieren-Kritiken, die nach amerikanischem Brauch schon am anderen Morgen in den großen und kleinen New Yorker Zeitungen standen.

Die offiziellen Vertreter der Bundesrepublik hatten es an nichts fehlen lassen, Goethe ihrerseits in der Neuen Welt zu empfehlen. Botschafter Grewe kam durch Schneeverwehungen und Eiseskälte aus Washington herüber und gab einen in der Tat glanzvollen Empfang im neuen Goethe-Haus. Botschafter Knappstein, unser Mann bei den Vereinten Nationen in New York, versammelte am Abend darauf nicht weniger als fünfunddreißig UNO-Botschafter bei Sekt und Kerzenlicht um Gründgens, Quadflieg, die Weisgerber.

New York ist die Stadt mit dem größten deutschsprachigen Bevölkerungsanteil irgendeines Ortes außerhalb des deutschen Sprachgebietes. Kein Wunder, daß das Haus ausverkauft war. Rührend die Anteilnahme alter, oft sehr alter Emigranten. Einige dieser deutschen Juden sind deutsch-nationaler gesonnen, als man es bei ihrem Schicksal begreift.

Ich hatte das Glück, in meinem Parkettstuhl einen hinter mir zu hören, der ganz zweifellos aus Leipzig stammte. Mit zittriger Stimme zitierte er die „Faust“-Stellen, die er noch wußte, seiner Frau immer einige Sekunden, bevor sie von der Bühne kamen. Als er schließlich etwas allzu vernehmlich deklamierte „Da steh ich nu, ich armer Dohr...“ zischte ihn eine Dame mit wiederum unverkennbar Berlinischem Tonfall an: „Bie kweiett!“