Das Urteil lautete auf viereinhalb Jahre Gefängnis wegen Totschlags. Der Haftbefehl blieb aufrechterhalten – aber das war wohl mehr Routine. Denn das Schwurgericht Nürnberg, das den ehemaligen SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Erich von dem Bach-Zelewski am Freitag letzter Woche in der Sache Anton von Hohberg und Buchwald schuldig sprach, gedachte bei dieser Gelegenheit kaum einer Episode, die genau zehn Jahre zurückliegt.

Damals war Bach-Zelewski gerade entnazifiziert worden. Von den ihm zudiktierten zehn Jahren wurden fünf als bereits verbüßt anerkannt; fünf hätte er noch absitzen müssen. Er saß sie nie ab. Er fuhr heim und sagte zu seiner Frau: Sollen sie mich doch holen; ich denke nicht daran, mich selbst zu stellen.“ Sie holten ihn jedoch nicht, irgendwie war er offenbar in Vergessenheit geraten.

Zu jener Zeit hausten er, seine halbgelähmte Frau und seine Kinder in einem Kuhstall bei Nürnberg. Später brachte er es zu einer Zweizimmerwohnung, in Eckersmühlen, einem Dorf in der Nähe. Bach-Zelewski arbeitete als Nachtwächter, im Akkord; er wurde nach der Zahl der von ihm betreuten Objekte entlohnt. Mühsam sparte er sich ein Moped zusammen, um seinen Bereich zu vergrößern. So verdiente er schließlich 400 Mark monatlich.

Er lebte still dahin, kaum jemand erinnerte sich noch an ihn. In der einschlägigen Literatur wird er eigentlich nur beiläufig erwähnt; die Wertungen sind unterschiedlich. Mit seinen Memoiren hausieren zu gehen, lehnte er ab. Seine früheren Kameraden nahmen seinen Namen nicht in den Mund: Er war verfemt. Auf diese Weise hatte er Ruhe, und damit war er zufrieden.

Der Vergessenheit ist Erich von dem Bach dann Ende 1958 entrissen worden: Die Staatsanwaltschaft Nürnberg beschuldigte ihn des Mordes an Anton von Hohberg; er wurde in Haft genommen. Hohberg, ein ostpreußischer Rittergutsbesitzer und bekannter Turnierreiter, war der einzige SS-Führer, der im Juli 1934, anläßlich des sogenannten Röhm-Putsches, umgebracht worden ist. Nach einem langwierigen Verfahren wurde Bach, damals Chef des SS-Oberabschnitts in Königsberg, jetzt zwar nicht wegen Mordes, aber immerhin wegen Totschlags verurteilt.

Unmittelbar nach seiner Verhaftung hatte er gesagt: „Die ganze Wahrheit werden Sie nie erfahren.“ Tatsächlich können über das Tatmotiv nur Vermutungen angestellt werden; wahrscheinlich war es ein persönlicher Racheakt. Die Beweisaufnahme, so begründete das Gericht das Urteil, habe eindeutig ergeben, daß Bach zwei subalternen SS-Chargen den Befehl erteilte, Hohberg zu erschießen. Bach hatte dies bestritten: Seine beiden Untergebenen sollten, so verteidigte er sich, Hohberg verhaften, nicht aber umbringen.

Das Verblüffende an dem Prozeß waren die Begleitumstände. Fast lässig erklärte der Angeklagte: „Ich war bis zuletzt Hitlers Mann. Und ich bin noch heute von seiner Unschuld überzeugt.“ Damit hob sich Erich von dem Bach, der es auch notorisch ablehnte, einen Befehlsnotstand als Entschuldigung für sich in Anspruch zu nehmen, deutlich von Dutzenden und aber Dutzenden ähnlicher Gestalten ab, die vor bundesdeutschen Gerichten sich jeweils auf Befehle von oben beriefen, deren Nichtbefolgung „unter allen Umständen Kopf und Kragen gekostet“ hätten.