Von Rico Sommer

Pamphlete für und wider die Abrüstung gibt es zwar in großer Zahl, fundierte Analysen indessen nur sehr wenige. Zu den letzteren zählt

Philip Noel-Baker: "Wettlauf der Waffen – konkrete Vorschläge für die Abrüstung", aus dem Englischen von Werner von Grünau und Elisabeth Rotten; Kindler Verlag, München; 743 S., 22,– DM.

Der englische Labour-Politiker, dem 1959 in Oslo der Friedens-Nobelpreis verliehen worden ist und der unlängst in München für "Wettlauf der Waffen" den Albert-Schweitzer-Buchpreis 1961 erhielt, hat sich sein Leben lang mit dem Problem der Abrüstung herumgeschlagen; er macht kein Geheimnis daraus, daß er in ihr die einzige Möglichkeit sieht, der drohenden Katastrophe zu entgehen. Wer seine sachliche Beschreibung des modernen Kriegswerkzeuges liest, wird zu der Überzeugung kommen, daß er die Größe der Gefahr nicht übertreibt. Seine Kernthese ist, daß die Risiken der Abrüstung heute weit geringer sind als die der fortdauernden Rüstung.

Noel-Baker holt weit aus in seinem gewichtigen Werk, dem ein Dokumenten-Anhang und ein ausführliches Register beigegeben sind. Er schildert die Abrüstungsverhandlungen vor dem Zweiten Weltkrieg und beschreibt die vergeblichen Anstrengungen seit 1945. Dabei weist er darauf hin, daß bis Mai 1955 den Sowjets die Schuld an der Fruchtlosigkeit der Gespräche aufzubürden ist, daß danach aber die Amerikaner ihr gerüttelt Maß an Verantwortung tragen (er meint: die ausschließliche Verantwortung). In den neuesten US-Untersuchungen, die zumeist aus der Feder der Harvard-Professoren Kennedys stammen, wird das nicht bestritten: In der Tat war die Unentschlossenheit der Eisenhower-Regierung in Sachen Abrüstung eines der blamabelsten Kapitel der letzten vier Jahre. Ob freilich die Tatsache, daß die verantwortlichen Staatsmänner – der Vereinigten Staaten in diesen Jahren die Abrüstung nicht wollten oder nicht wußten, ob sie sie wollen sollten, auch schon ein Beweis ist, daß Chruschtschow sie ernsthaft anstrebte?

Der englische Politiker unterstellt es, aber die These ist nicht schlüssig bewiesen. Schließlich war es der Kremlherr, der die Genfer Abrüstungsgespräche letzten Sommer gerade in dem Augenblick torpedierte, da die Amerikaner sich anschickten, einen umfassenden Plan vorzulegen, der eine bedeutsame Annäherung an den sowjetischen Standpunkt versprach. Überhaupt scheint mir, daß Noel-Baker die Schwierigkeiten der Abrüstung zwar genau sieht, sich ihre Überwindung jedoch zu leicht vorstellt. Das ist vor allem bei dem entscheidenden Problem Inspektion und Kontrolle der Fall, und hier ist es bedauerlich, daß er die Ergebnisse der beiden Sachverständigenkonferenzen seit 1958 nicht mehr auswertet.

Ein Einwand gegen die Grundkonzeption des Buches ist dies nicht. Es bietet eine Fülle von technischen, militärischen und historischen Informationen, von denen viele sonst nur schwer zugänglich sind. In einem Augenblick, da die Weltmächte sich zur Wiederaufnahme der Genfer Gespräche rüsten, gehört es in die Hand eines jeden interessierten Zeitgenossen. Und es steht wohl auch fest: ohne den moralischen Impuls Noel-Bakers sind diese Gespräche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wie er es selber ausdrückt:

"Niemand, der seit 1919 die Abrüstungsverhandlungen genau verfolgt hat, wird sich so leicht eines billigen Optimismus über die Aussichten auf Erfolg schuldig machen. Aber niemand, der sich über das gegenwärtige Wettrüsten im klaren ist, sollte sich auch eines billigen Pessimismus schuldig machen. Denn dieser ist der bei weitem schwerere Fehler."