J. B., Wien

Baurat Dipl.-Ing. Walter Hitzinger ist nicht nur ein bedeutender Stahlfachmann und Manager, er ist auch ein Meister des diplomatischen Dementis. Man hat ihn monatelang immer wieder befragt, ob er wirklich von der VÖEST in Linz zu Daimler-Benz in Stuttgart gehen werde, und er hat so zu antworten verstanden, daß niemand der Sache sicher war. Vielleicht war er es selbst geraumeZeit nicht. Jedenfalls meinten auch Männer in Linz und Wien, Hitzinger liebäugle zwar mit Mercedes, vor allem aber deshalb, weil dadurch seine Stellung in der verstaatlichten Schwerindustrie Österreichs – und insbesondere auch seine Position gegenüber dem Verstaatlichten-Chef Vizekanzler Pittermann – enorm gestärkt werden.

Im phantasiereichen Wien vermutet man übrigens in Hitzinger eine Art Generalbevollmächtigten Flicks, wobei eine Wiener Zeitung die Gedankengänge weiterspinnt, indem sie sagt: „Der 78jährige Flick, verbittert von der Erkenntnis, in seinen beiden Söhnen keine ebenbürtigen Nachfolger zu haben, sieht in Hitzinger vermutlich nicht nur den künftigen Herrn des Stuttgarter Autoimperiums.“

Das sind jedoch alles nur Kombinationen. Genaueres kann man dagegen über die eben abgeschlossene österreichische Karriere des heute 53jährigen sagen. Hitzinger hat nicht nur jetzt dem alten Flick gefallen, er muß auch vor zwanzig Jahren einen guten Eindruck gemacht haben. Sein erster Aufstieg kurz vor dem Krieg und während des Krieges (von der Steyr-Daimler-Puch AG und den Saurer-Werken bis zu den Flugmotorenwerken „Ostmark“) gibt darüber Auskunft. Eine kleine Nachkriegspause benutzte Hitzinger zur Gründung eigener Eisenhandelsunternehmungen in Linz und Salzburg. Hitzinger wurde als Nachfolger von Dr. Richter-Brohm am 1. Juli 1952 zum öffentlichen Verwalter der VÖEST bestellt und nach Einsetzung der Gesellschaftsorgane bei der VÖEST als deren Vorstands-Vorsitzender und Generaldirektor bestätigt. Die VÖEST ist von einer Stahlproduktion von 200 000 t im Jahr 1952 inzwischen auf mehr als 1 1/2 Mill. t Jahresleistung gekommen. In der Gefolgschaft seines großen Unternehmens hatte er sich durch seine joviale Art bei allem Respekt große Sympathien erworben.

Walter Hitzinger, Sohn eines Linzer Arbeiters, kam früh zur Sozialistischen Partei, der er auch nach dem Krieg wieder angehörte; er war auch die vielleicht prominenteste Persönlichkeit im Bund sozialistischer Akademiker. Er war gewiß kein bequemer Parteigänger, und es bestehen schon Zeichen dafür, daß gerade seine mannhafte Art dem vorgesetzten Vizekanzler Pittermann oft mißfallen haben mag. Er hat sich als Manager des kompliziertesten verstaatlichten Betriebes in Österreich nach mehreren kurzfristig arbeitenden Vorgängern gehalten und auch in bürgerlichen Wirtschaftskreisen wegen seiner Leistung hohes Ansehen genossen. Es mag dem eigenwilligen Manager recht von Herzen zuwider gewesen sein, wenn der Rechnungshof, der bekanntlich alle verstaatlichten Betriebe prüft, immer wieder seine Beanstandungen machte und mit posthumer Weisheit lange zurückliegende Unternehmer-Entschlüsse kritisierte.