Erinnerung an das Dritte Reich – mit den Methoden des Dritten Reiches

K-t, München

Ein Staatsanwalt war der erste Besucher. Das Plakat Eichmann-Ausstellung (Massenmord im Zeichen des Hakenkreuzes) hatte ihn, der in Begleitung eines Kriminalbeamten erschien, hinaufgewiesen zu dem im ersten Stock gelegenen Saal des Bürgerbräu-Kellers, von dem aus Adolf Hitler 1923 seinen „Marsch auf die Feldherrnhalle“ inszenierte.

Die Beamten legten einen von der Amtsgerichtsrätin Dr. Raab unterzeichneten Beschluß auf den Tisch und nahmen zwei Tafeln mit, die Bilder des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt, Hans Globke, und mehrere „Dokumente“ über dessen Tätigkeit im Reichsinnenministerium zeigten.

Die bloße Zurschaustellung dieser Dokumente hätte die Staatsanwaltschaft wohl kaum auf den Plan gerufen. Jedoch hatten die Veranstalter neben die Photokopien Auszüge aus den Nürnberger Gesetzen und aus dem Protokoll der 148. Sitzung des ersten deutschen Bundestags geheftet. Nach diesem Sitzungsprotokoll hatte Bundeskanzler Adenauer seinen Staatssekretär mit den gleichen Worten gelobt wie einst Innenminister Frick: er sei einer seiner „tüchtigsten Beamten“. Überdies hing neben Globkes lachendem Konterfei eines der erschütterndsten Bilder dieser Ausstellung: Kz-Häftlinge, abgemagert bis zum Skelett, die den Tod am elektrisch geladenen Stacheldraht dem Martyrium des Lagers vorzogen.

„Harte Montage“

Diese Zusammenstellung – von den Veranstaltern nachträglich als eine „etwas harte Montage“ bezeichnet – gab der Staatsanwaltschaft die Handhabe, gegen den Initiator der Ausstellung, Rolf Seeliger, ein Ermittlungsverfahren wegen übler Nachrede und Verleumdung einzuleiten und die Beschlagnahme der für das Verfahren als Beweismittel wichtigen bedeutsamen Tafeln zu beantragen. In der Verfügung der Amtsgerichtsrätin Raab heißt es: „Durch die Ausstellung und Art der Zusammenstellung der oben bezeichneten Bilder und Dokumente wird die Behauptung aufgestellt, Staatssekretär Globke habe maßgeblich an der Abfassung der Nürnberger Gesetze und der Ausrottung der jüdischen Bevölkerung mitgewirkt... Da diese Behauptung unwahr ist, wird Staatssekretär Globke dadurch in seiner Ehre gekränkt.“

Die unglückliche Verknüpfung der Globke-Affäre mit den zur Schau gestellten Dokumenten über die Judenverfolgung im Dritten Reich hat die historischen Hinweise auf die schmachvollste Zeit des deutschen Volkes entwertet. Wiewohl die Veranstalter, Mitglieder eines angeblich „überparteilichen Initiativausschusses“, versichern, nichts anderes als „Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus und Menschen unserer Zeit“ zu sein, scheinen ihre Absichten allzu deutlich durch: Zwischen Schautafeln und jenen armseligen Gegenständen, die einstmals Häftlingen von Auschwitz gehörten, finden sich Parolen, wie die Ostpropaganda sie liebt.

Nicht anders als die Parolen stammen denn auch große Teile der Dokumente aus Ostberlin, Prag und Warschau. Die Globke-Dokumente beispielsweise hat der Ostberliner Ausschuß für deutsche Einheit „zur Verfügung gestellt“. Und mögen unter den Veranstaltern auch ehemalige Kz-Häftlinge und jüdische Verfolgte sein, so fällt doch auf, daß zu diesem Kreis zugleich der ehemalige Chefredakteur einer Münchner KP-Zeitung, Karl Feurer, gehört und ferner ein Mitglied der VVN, einer Verfolgtenorganisation, gegen die die Bundesregierung einen Verbotsantrag wegen kommunistischer Infiltrationsarbeit beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht hat.

Wenn man Rolf Seeliger glauben darf, so ist die Idee, eine solche Ausstellung zu zeigen, von Mitgliedern des internationalen Dachau-Kommitees geboren worden, einer Organisation, die ehemalige Häftlinge aus aller Welt zusammengeführt und die ihren Sitz in Brüssel hat. Seeliger selbst kann noch am ehesten als „kommunistisch unverdächtig“ betrachtet werden. Er ist einer jener jungen Schriftsteller, die nach dem Kriege gegen die „nihilistischen Literatur-Experimente“ anrannten und sich in einem „Eichendorff-Bund“ zusammenfanden, der freilich über recht substanzlose Diskussionen nie hinauskam. Ein kleiner Gedichtsband, „Der goldene Fisch“, ist das einzige Zeugnis seines lyrischen Nachkriegskampfes. Heute schreibt Seeliger für Gewerkschafts- und SPD-Zeitungen.

Schon wenige Minuten nach der Beschlagnahme der Globke-Dokumente hatte Seeliger zu einer Pressekonferenz geladen. Sie wurde die turbulenteste, die München seit langen, sah. Das sowjetzonale Fernsehen machte fleißig Aufnahmen. Später entschuldigte sich Seeliger: „Ich hatte das ostzonale Fernsehen nicht eingeladen.“ Doch blieb bei den westdeutschen Journalisten das Unbehagen darüber zurück, als Statisten einer wohl geplanten „Schau“ benutzt worden zu sein. Man hörte Zwischenrufe wie: „Sie machen sich zum Handlanger der kommunistischen Propaganda“, und – an die Fernsehreporter gerichtet –: Wir lassen nicht zu, daß hier Mißbrauch mit dem Andenken an die Opfer Hitlers getrieben wird.“

Spendenbuch an der Tür

Trotz allem hat die Ausstellung ihr Publikum gefunden. In den ersten Tagen drängten sich Tausende von Besuchern zwischen den 500 Dokumenten und Bildern. Zeitweilig mußte man die Ausstellungsräume sperren. Ein Spendenbuch an der Tür weist Eintragungen bis 500 Mark auf. So wird denn wohl wahr werden, was Seeliger ankündigte, daß nämlich die Ausstellung, falls genügend Geld zusammenkomme, auch in anderen Städten des Bundesgebietes gezeigt werden.

Wenige Kilometer nördlich, im Künstlerviertel Schwabing, darf sich eine andere Ausstellung keines solchen Andrangs erfreuen: dort zeigt der Berliner Student Reinhard Strecker seine Dokumente über die Nazijustiz. Hier werden unter dem Titel „Ungesühnte Justiz heute noch amtierende Richter und Staatsanwälte angeklagt, bei Sondergerichten an ungerechtfertigten Todesurteilen mitgewirkt zu haben. Übrigens erreichte auch Strecker dieser Tage eine polizeiliche Beschlagnahmeverfügung. Kriminalbeamte konfiszierten unter Berufung auf das Polizeiaufgabengesetz ein Plakat, das – versehen mit einem Hakenkreuz – auf die Ausstellung hinweisen sollte. Begründung für die Beschlagnahme: Gesetzwidriges Vorzeigen nationalsozialistischer Embleme.