Von Edgar Bissinger

Die Sorgen und Nöte einzelner Zweige der Textilindustrie sind seit Jahren ein unerschöpfliches Thema der Wirtschaftspolitik. Ihre „weißen“ Halden bildeten vor zwei Jahren das konjunkturelle Pendant zu den schwarzen Kohlenhalden an der Ruhr. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in der ganzen Welt befindet sich diese Industrie in einem großen Strukturwandel; sie steht den schwersten Umstellungsproblemen gegenüber seit den Jahren, als die Kämpfe der Handweber gegen die „Eiserne Jenny“, den mechanischen Webstuhl, in Manchester tobten, und seit den schlesischen Weberaufständen, die Gerhart Hauptmann zu seinem Drama inspirierten.

Als sich in der Textilindustrie die ominösen weißen Halden türmten, gab das Bundeswirtschaftsministerium das Stichwort vom „Gesundschrumpfen“. Man hielt und hält wohl auch heute noch in Bonn die deutsche Textilindustrie angesichts der Tendenzen, in nahezu allen Entwicklungsländern als erste Aufbaustufe Textilbetriebe zu errichten, für überdimensioniert. Man ist der Auffassung, die internationalen Verpflichtungen verlangten von der Bundesregierung eine besondere Liberalität gerade auf diesem Gebiet.

Die Folgen dieser prinzipiellen Haltung zeigt folgende Statistik:

Aus einem, wenn auch nicht sehr großen Ausfuhrüberschuß wurde in fünf Jahren ein Minus von weider als nech doppele sich jedes jahr der Minussaldo dieser Bilanz. Trotz allem hat inzwischen die Mengenkonjunktur manche Sorgenfalte der Unternehmer dieser Branche wieder geglättet. Zwar wachsen die Importe immer noch, aber in der Phase der Vollbeschäftigung werden sie nicht als allzu drückend empfunden. Manche Bilanz hat sogar einen Teil ihres Polsters zurückgewonnen. Dennoch schaut die Textilindustrie mit Pessimismus in die Zukunft. Warum?

Allen Experten ist klar, daß die augenblickliche Organisationsform und Produktionsbasis vieler Betriebe umgestellt werden muß. In dieser Lage bieten sich zwei Auswege an, die beide aber eines gemeinsam haben: Sie kosten viel Geld.

Der eine Weg ist der, ein zweites betriebswirtschaftliches Bein in fremdem Boden zu verankern, vor allem auf einem Terrain, das handelspolitisch nicht so gefährdet ist wie Textil. Das bedeutet praktisch eine gänzliche oder teilweise Abwanderung aus der Branche. Der zweite Weg erfordert ebenfalls die Zusammenfassung aller zu Gebote stehenden Mittel und Kräfte, um durch Rationalisierung und Automatisierung der bestehenden Produktion den Weg ins Freie zu gewinnen.