In jüngster Zeit wird die Bundesrepublik mit Angeboten kanadischer Grundstücksmakler überflutet, in der Nähe kanadischer Großstädte Land zu erwerben, und zwar immer wieder mit dem Hinweis, daß die Grundstückspreise sehr schnell steigen werden, so daß man das Land in einigen Jahren mit großem Nutzen verkaufen kann. Wer jedoch die Verhältnisse in Kanada nicht genau kennt, sollte sehr vorsichtig sein, wenn er auf diese Offerten eingeht. Das gilt insbesondere für die zahlreichen Auswanderer, die möglichst schnell in Kanada zu einem eigenen Haus kommen möchten. Einer unserer Leser hat seine Erfahrungen geschildert, die er mit der kanadischen Grundstücksspekulation gemacht hat. Wir wollen sie nicht verallgemeinern, aber ihre Veröffentlichung erscheint uns deshalb als wichtig, weil sie eine Reihe wertvoller Fingerzeige enthielt. Unser Leser schreibt:

Ein Verkaufsmanager, von Haus aus Deutscher, hatte vor einigen Jahren den Auftrag übernommen, den Verkauf von 250 Baustellen (oder angebliche Baustellen) in die Wege zu leiten. Er und ein Schwarm übriger Verkäufer wandten sich fast ausschließlich an Deutsche oder deutschsprechende Einwanderer, die der Landessprache noch nicht mächtig waren. Ihnen wurden Verträge in englischer Sprache zur Unterschrift vorgelegt. Hatte man den Verdacht, daß gelegentlich jemand doch genug Englisch verstand, dann bekam er ein Vertragsformular in französischer Sprache. Man ist ja in Montreal „bilingual“. Nie habe ich einen Vertrag in deutscher Sprache gesehen. Da ich mit vielen Käufern zu tun hatte, konnte ich feststellen, daß fast niemand wußte, was er wirklich unterschrieben hatte.

Den Käufern wurde von den Verkäufern alles versprochen, was sie sich wünschten: Staatlich geschützte billige Hypotheken, feste Straßen, Kanalisation, Wasser usw. Und billige Häuser natürlich. Wollte dann jemand ernstlich bauen, mußte er feststellen, daß alles unwahr war.

Eine Klage war aussichtslos, denn die verkaufende Gesellschaft war nicht Besitzerin des Landes. Dies gehörte einer anderen Gesellschaft, die wiederum keinerlei Verantwortung für die Aktionen der Verkaufsgesellschaft übernehmen wollte. Wurde sie doch angegriffen, so stellte man fest, daß der angebliche Besitz einer weiteren Gesellschaft verpfändet war. Die Straßenherstellung beschränkte sich, wie ich selbst oft genug feststellte, darauf, daß man den Bulldozer über das Ackerland gehen ließ, wo später Straßen sein sollten. Darauf kamen 8 bis 10 cm Kies, und das war alles.

Für die Herstellung der Kanalisation gründete man gewöhnlich eine „Société anonyme de drainage“, für die Bewässerung eine „Société anonyme de aqueducs“ usw. Prinzip war wohl, daß man es einem enttäuschten Käufer oder einer Käufergruppe unmöglich machen wollte, einen Rechtsstreit mit Aussicht auf Erfolg anzustrengen.

Das war auch noch aus einem anderen Grund nicht ratsam: Alle die erwähnten Gesellschaften waren gegründet als „Company limited“ (GmbH.). Das Kapital dieser Gesellschaften war verschieden. Es gab einige mit nominell 50 000 Dollar und andere mit wesentlich mehr. Von diesem Kapital wurden lt. Gesetz, soviel ich mich erinnere, 5 vH bar eingezahlt (es können auch 10 vH gewesen sein). Die Höhe tut ja nichts zur Sache, da dieses eingezahlte Kapital meistens routinemäßig am Tag nach der staatlichen Anerkennung bis auf $ 1,00 (ein Dollar) wieder abgehoben wurde, so daß ein Kläger, wenn er wirklich Erfolg hatte, gegen eine Gesellschaft gewonnen hatte, die praktisch nichts besaß. Dagegen waren die Anwalts- und Gerichtskosten recht erheblich.

Das „Baugelände“ wurde stets außerhalb der Stadtgrenzen erworben, gewöhnlich für 2 bis 5 Cent je Quadratfuß. Es wurde, nach einigen Vor-

bereitungen, meistens noch im gleichen Jahr verkauft für 25 bis 30 Cent je Quadratfuß. Die Vorbereitungen erstreckten sich auf den oben erwähnten Bulldozer, die Gründung der notwendigen Gesellschaften und die Anfertigung einer sogenannten „Subdivision“, d. h. eines Aufteilungsplanes, der die künftigen Straßen, Plätze, Shopping Centres usw. zeigte. Diese Subdivisions waren meist weder von der Stadtplanung noch von der Landesplanung genehmigt.

Die Zahlungsbedingungen waren wohl alle die gleichen: Hatte jemand eine Baustelle gekauft, so zahlte er gewöhnlich 10 vH an. Für die restlichen 90 vH des Kaufpreises wurden 36 Schecks ausgestellt, vordatiert (das ist hier erlaubt) und vom Käufer unterschrieben. Er saß also für die nächsten drei Jahre mit seinen Zahlungen fest, denn die Schecks wurden mit eiserner Pünktlichkeit bei der Bank vorgelegt. In meinem Fall war es so, daß nach 18 bis 24 Monaten der Titel dem Käufer ausgehändigt werden sollte, das wäre also nach 1 1/2 bis 2 Jahren gewesen. Ob die Gesellschaft nach dieser Zeit überhaupt noch bestand, war absolut nicht sicher. Denn, wie ich feststellte, waren auf das Land, auf dem mein „Besitz“ liegen sollte, nur 10 vH angezahlt worden. Der Vorbesitzer hatte also der kaufenden Gesellschaft eine „Main Levee“ nur auf 10 vH des Geländes gegeben und entsprechend die Besitztitel auch nur für diesen Teil übertragen. Die übrigen Besitztitel hielt er in seiner Hand und versicherte, daß er sie nicht herausgeben würde, bevor er nicht Barzahlungen bekäme. Der Verkäufer verkaufte aber lustig die Besitzteile, für die gar keine Titel vorhanden waren.

Etwaige Einwendungen der Käufer wurden kurz mit dem Hinweis auf den Passus des Kaufvertrages abgelehnt, nach dem alle vorherigen mündlichen und schriftlichen Zusicherungen null und nichtig waren. Nun wußten aber die Käufer nichts von der Existenz der oben erwähnten „Hintergesellschaften“. Sie verhandelten nur mit den Vertretern der „Verkaufsgesellschaft“, und diese Vertreter machten den Kauflustigen jede Zusage und gaben jedes Versprechen, das sie zum Zweck des Verkaufes für richtig und wirkungsvoll hielten.