Von Martin s. Svoboda

Helgoland, Anfang März

Durch eine Tür geht man rein oder raus. Auf Helgoland schwimmt man durch die Tür, zum Beispiel vom Hallen-Planschbecken hinaus ins Freie und hinein in ein Fünfzig-Meter-Schwimmbassin, gefüllt mit geheiztem salzigem Nordseewasser. Auch im Winter. Ob über Helgoland Nebel liegt, ob es nieselt oder Schneeflöckchen rieseln – Man gleitet gelassen durch das warme Nordseewasser. Nur der Kopf ist im Freien. Ein märchenhafter Genuß. Meist dampft es über der Wasseroberfläche wie in einer Waschküche, und Sie schwimmen und prusten dahin mit der Selbstverständlichkeit eines Walfisches: Salzwasser trägt. Hinter sich wissen Sie die Nordsee, vor sich sehen Sie das Oberland mit der neuen Kirche. Ein Lastauto klettert mühsam den Hang hinauf. Oben wird noch wie wild gebaut: Wohnhäuser, Pensionen, Cafés mit Terrassen. Vor knapp vierzehn Jahren war hier alles wüst und leer. Von tausend Flugzeugen (1945) zerbombt und (1947) durch die „größte Sprengung Europas“ zum endgültigen Begräbnis bestimmt.

Es ist dunkel geworden: die Unterwasserbeleuchtung wird angeknipst. Bleich und grün gleite ich durch das warme Nordseewasser und denke (1961) an den Whisky, den ich anschließend zu mir nehmen werde.

Vielleicht wird es auch ein Schluck echten Jamaika-Rums. Der Preis spielt keine Rolle. Helgoland ist wieder Zollausland. Zwanzig amerikanische Zigaretten kosten 1,30 Mark. Für Prince-Albert-Tabak berappe ich ganze zwei Mark (in Hamburg sechs). Dänische Butter ist mit 2,60 Mark für das Pfund ausgezeichnet; französische Parfüms gibt’s zum halben Festlandpreis. Und der Whisky – wenn Sie das nächste Mal beim Kaufmann sind und die üppig gefüllten Regale mit Schnäpsen, Likören, Weinen, Sektmarken aus dem In- und Ausland betrachten, halbieren Sie einfach den Preis, und der volkswirtschaftliche Begriff „Zollausland Helgoland“ ist Ihnen überwältigend klar.

Falls Sie jedoch in weiblicher Begleitung nach Helgoland fahren, spielen Sie von der ersten Stunde an die Rolle des Geizhalses, sonst wird es ein teurer Spaß. Verweisen Sie geschickt auf die vielen Dinge wie Obst und Gemüse, Textilien und Pension, die nicht billiger sind als zu Hause. Pilgern Sie zu den Fracht- und Versorgungsschiffen im Hafen, die jeden Nagel, Ziegel, jedes Brett, Tisch, Stuhl, Eisschrank vom Festland herüberholen müssen und teuer machen. Es wird Ihnen zwar nicht viel helfen, denn Helgoland bleibt in vielem ein preiswertes Märchen. Helgoland hat die Preise, die uns die Parteien vor der Wahl versprechen. Es ist wie im Märchen mit dem unwilligen Esel, dem man eine Stange mit einem Heubündel vor die Nase hält: Er trabt voll Eifer, erreicht das Heubündel aber nie. Das ist Helgoland vor der Nase der Bundesrepublik.

Helgoland ist auch das Märchen für Vertriebene. Seine Bewohner mußten 1945 die Insel verlassen. „Für immer“. Nach dem ersten Weltkrieg waren nur die Befestigungen geschleift worden. Die Insel blieb. Nach dem zweiten Weltkrieg sollte Helgoland gesprengt werden und im Meer auf Nimmerwiedersehn versinken. Die erbosten Engländer wollten diesen Vorposten in der Deutschen Bucht ausradieren. Der Tausch Sansibars in Ostafrika gegen Helgoland (1890) sollte endgültig und einseitig rückgängig gemacht werden. Stichtag: 18. April 1947.