Von Helmut Donau

Eine juristische Fakultät zerfällt – wie jede andere Hochschulfakultät – in zwei Menschengruppen: die Ordinarien und jene, die es oft werden wollen, auf jeden Fall aber noch nicht sind.

Die Ordinarien sind miteinander zwar auch vielfach zerfallen, nach außen jedoch bilden sie eine monolithische Einheit, die in kollektiver Autokratie herrscht: „die Fakultät“. Es ist merkwürdig: so aufgeschlossen, liberal und tolerant mancher Ordinarius auch im persönlichen Verkehr, gegenüber seinen Schülern und sogar auf seinem Fachgebiet sein mag – in diesem Punkt gibt es keine Konzessionen. Es heißt einfach, die Wissenschaft könne nicht mit demokratischen Kategorien erfaßt werden und deshalb auch nicht Gegenstand demokratischer Regeln sein.

Dieser Satz, der apriorisch die Identität von „Fakultät“ und Wissenschaft voraussetzt, wäre allenfalls gerechtfertigt, wenn unsere Fakultäten das Bild einer Aristokratie des Geistes böten. Es gibt zwar unter unseren Ordinarien Aristokraten des Geistes – insgesamt gesehen aber haben wir eine Oligarchie. Das wäre Verleumdung? Nun, Gustav Radbruch, Professor und zeitweise Justizminister, der es wohl wissen mußte, hat schon vor mehr als einem Menschenalter über den „Zunftgeist“ unserer Fakultäten geklagt, womit er doch wohl das gleiche ausdrücken wollte, nur etwas dezenter.

Die Nicht-Ordinarien gliedern sich in strenger Hierarchie in Extraordinarien, Dozenten, wissenschaftliche Assistenten, Hilfsassistenten und Studenten. Dozenten haben sich habilitiert und warten auf einen Lehrstuhl. Sie stehen gewissermaßen auf Abruf und sind meist Beamte auf Widerruf, was ihre Unabhängigkeit nicht mit Sicherheit fördert ... Wissenschaftliche Assistenten sind fast durchweg Habilitanden, Hilfsassistenten Referendare und überwiegend Doktoranden. Studenten schulden ihren Professoren die gebührende Achtung, genießen aber nach ihnen die größte akademische Freiheit. Assistenten und Dozenten sind zusätzlich einer Fülle ungeschriebener Tabus unterworfen, deren Verletzung nachteiliger wirken kann als mittelmäßige Leistungen.

Daneben gibt es noch Lehrbeauftragte, meist bewährte Praktiker (Richter, Rechtsanwälte, Beamte). An der Anzahl der Lehrbeauftragten kann man ungefähr ablesen, inwieweit eine Fakultät Aufgeschlossenheit für die Notwendigkeit der Ausbildung besitzt. Auf jeden Fall aber haben die Lehrbeauftragten eine schiefe Stellung, selbst wenn man sie zu Honorarprofessoren gemacht hat. Heimlich werden sie selbst von Habilitanden verachtet (so etwa, wie ein rechter Fähnrich den Wehrmachtsbeamten verachtete), weil sie eben doch keine „eigentlichen“ Wissenschaftler sind. Werden gar ihre Vorlesungen stärker besucht als die der Ordinarien, so sind sie vollends suspekt.

Um einmal Ordinarius zu werden, muß man sich habilitieren: Eher würde wohl Adenauer Herbert Wehner zu seinem Außenminister machen, als daß ein Nicht-Habilitierter einen Lehrstuhl bekäme – und hätte er auch in einem Menschenalter mehr an wissenschaftlicher Leistung erbracht als eine Habilitationsschrift je enthalten kann. Für die Habilitation ist keine „Laufbahn“ vorgesehen. Es soll schon vorgekommen sein, daß plötzlich ein homo novus einer Fakultät eine fertige Habilitationsschrift vorlegt. Aber das können sich nur Koryphäen leisten, die zudem genug Zeit und Geld haben; denn Außenseiter werden nicht geschätzt, weder ohne noch mit Habilitationsschrift. So beschreitet die wissenschaftliche Nachwuchskraft den Weg, der nirgends vorgeschrieben und doch strenger geregelt ist als die pedantischste ministerielle Laufbahnordnung.