New Delhi, im März

Mit einem Besuch der Commonwealth-Kriegsgräber in Delhi beendete Königin Elizabeth am 1. März das Programm ihrer fast sechswöchigen Reise durch den indischen Subkontinent. Auch ihr erster Weg nach der Ankunft in der indischen Hauptstadt hatte Elizabeth zu einem Totenmal geführt, zum Rajgath, wo die sterblichen Überreste Mahatma Gandhis verbrannt worden sind. Zwischen der Reverenz, die Englands Königin dem größten Rebellen gegen das britische Empire erwies, und ihrem Gedenken für die Toten des Commonwealth besteht ein tiefer innerer Zusammenhang. Wenn sich aus dem alten britischen Imperium die moderne Völkerfamilie des Commonwealth, der „gemeinsamen Wohlfahrt“ entwickeln konnte, so haben dazu in erster Linie die Beziehungen zwischen Indien und England beigetragen, die von Gandhi mit seinem „Freiheitskampf ohne Haß“ entscheidend beeinflußt wurden.

Indiens Staatspräsident, Dr. Prasad, hat bei der Begrüßung und Verabschiedung Elizabeths diese „besonderen Beziehungen“ gewürdigt, die Indien und England miteinander verbinden; er sprach von dem „bedeutenden englischen Beitrag zur indischen Geschichte“, der die geistige und politische Verfassung dieses Vierhundert-Milionen-Volkes dauerhaft beeinflußt habe, und er empfahl als beispielhaft für die ganze Welt die „mit Würde und politischer Eleganz“ durchgeführte Umwandlung des kolonialen Abhängigkeitsverhältnisses in die freiwillige Freundschaft zweier gleichberechtigter Nationen innerhalb des Commonwealth.

Indien und Pakistan haben in den vergangenen Jahren Staatsbesuche erlebt, die von größerer tagespolitischer Bedeutung gewesen sein mögen als die indisch-pakistanische Reise der englischen Königin; aber noch nie spürte man so stark wie bei dieser Begegnung zwischen dem Repräsentanten der ehemaligen Kolonialmacht und dem früheren Kolonialvolk den Atem der Geschichte, der mehrere Jahrhunderte historischer Verstrickung von Völkerschicksalen lebendig werden ließ, die trotz aller Spannungen schließlich ein festes Band zwischen Osten und Westen geknüpft haben. Gerade vor dem Hintergrund der kolonialen Konflikte, die gegenwärtig in Afrika ausgetragen werden, sollte die Indienreise der englischen Königin auch anderen Völkern zeigen, wie große Nationen sich mit ihrer Vergangenheit auszusöhnen verstehen.

Elizabeth und Prinz Philip sind überall in Indien und Pakistan so herzlich empfangen worden, daß es selbst die Kommunisten nicht wagten, gegen ihren Besuch zu polemisieren, geschweige denn offen zu demonstrieren. Alle Städte bereiteten sich schon monatelang vorher mit einem beispiellosen Aufwand auf den Empfang ihrer königlichen Gäste vor.

Die englischen Gäste haben auf ihrer über zwanzigtausend Kilometer langen Reise den Orient aus „Tausend und einer Nacht“ erlebt und die Lebenswirklichkeit des modernen Indiens und Pakistans, Tempel und Atomreaktoren, Fürstenpaläste und Dorfparlamente, Eingeborenentänze und Panzerparaden, Elephantenprozessionen und soziale Wohnungsbau-Schau. Immer wieder begegneten sie auf dieser Fahrt durch den indischen Subkontinent – durch die indisch-pakistanische Vergangenheit und Gegenwart – auch ihrer eigenen Geschichte, sichtbar in den Denkmälern ihrer persönlichen Vorfahren, aber spürbar auch und noch viel wirksamer in den Institutionen des Staates, seiner Rechtspflege, seines Bildungswesens, seiner Streitkräfte und seiner Verwaltung.

In einer Zeit, in der viele glauben, daß der Westen wegen der Sünden seiner kolonial-imperialen Vergangenheit ständig in Sack und Asche Büßerdienste zu leisten habe, kann es nicht schaden, wenn man sich auch einmal der großen zivilisatorischen Leistungen erinnert, die von den Kolonialmächten vollbracht worden sind. Nicht, daß sich der Westen heute mit diesen Leistungen besonders brüsten sollte: aber es ist ermutigend, wenn ein Volk, das selber unter den Sünden des Kolonialismus zu leiden gehabt hat, souverän genug ist, auch den geschichtlichen Nutzen dieser Zeit anzuerkennen. Hans Walter Berg