Von Marcel Reich-Ranicki

Wie viele deutsche Erzähler gibt es eigentlich, deren Laufbahn nach 1945 begonnen hat und denen man Originalität und Format nachrühmen kann? Hand aufs Herz: sieben? oder sechs? oder vielleicht nur fünf? – Wie streng auch die Kriterien sein mögen – Wolfdietrich Schnurre, der jetzt Vierzigjährige, gehört zu der kleinen Zahl derer, die ihnen standhalten.

Aber es scheint, daß man ihn noch immer unterschätzt. Er wird mehr von Feinschmeckern bewundert, als von den Durchschnittslesern anerkannt. Sein letztes Buch („Das Los unserer Stact“) fand verhältnismäßig wenig Beachtung, obwohl es Abschnitte von großer Schönheit und Parabeln von überwältigender Ausdruckskraft enthält. Worauf ist das zurückzuführen?

Daß Schnurre genau weiß, was er will, daß er das eindeutige politische Engagement nicht verheimlicht und die strenge Gesellschaftskritik ehrgeizig anstrebt, damit finden sich schließlich auch jene ab, die es nur widerwillig und mit betontem Unbehagen hinnehmen. Doch scheint es ihnen allzusehr von der Regel abzuweichen, daß der Mann des politischen Engagements über eine ganz einzigartige Phantasie verfügt und daß der Gesellschaftskritiker die poetische Prosa bevorzugt.

Auch haftet dem eigenwilligen Humor Schnurres, der dazu dient, Reales zu verfremden und mit Phantastischem vertraut zu machen, etwas Absonderliches und Unheimliches an, was von vielen wohl als Makel empfunden wird. Schriftsteller, die der Ansicht sind, daß der Humor etwas Ernstes ist, haben es in Deutschland immer noch schwer.

Freilich macht sich dieser bittere und mitunter sehr versponnene Erzähler das Leben nicht leicht und tat es auch damals nicht, als er anfing, für seinen Schmerz und seinen Zorn epischen Ausdruck zu suchen. Diese Geschichten aus den Jahren 1945 bis 1947 liegen erstmalig gesammelt vor –

Wolfdietrich Schnurre: „Man sollte dagegen sein“; Walter-Verlag, Olten und Freiburg i. Br.; 192 S., 9,80 DM.