Paris, Anfang März

Seine Exzellenz Präsident Burgiba von Tunesien hat keine Extrawünsche, was die Speisekarte betrifft. Nicht zu schwere Gerichte, wenn es geht, und Orangensaft statt des Weines, aber ein Glas Champagner zum Nachtisch lehnt er nicht ab ... Der tunesische Protokollchef teilte seinem französischen Kollegen ferner mit, daß sein Chef sich nicht an das muselmanische Fastengebot im Ramadan-Monat hält. Denn Burgiba ist gegen „überholte Riten“. Das zeigt sich auch daran, daß der Erfinder des „Burgibismus“ bereit war, sich mit dem Präsidenten de Gaulle ganz allein zu Tisch zu setzen. Weit und breit kein Zeuge des Gesprächs – das war ihm am liebsten.

Es scheint, daß die beiden „Monolog-Redner“ einander auf Anhieb sympathisch waren. Und so ist die von General de Gaulle angeregte Reise Burgibas nach Paris tatsächlich zum „ersten Schritt“ auf dem schweren, steinigen, gefährlichen Weg zum algerischen Frieden geworden. Im Schlußkommunique haben de Gaulle und Burgiba denn auch von „Offenheit und vollem gegenseitigen Verständnis“, von „Möglichkeiten und Hoffnungen einer guten und schnellen Entwicklung in Algerien – für die Zukunft Nordafrikas“ gesprochen und von ihren „sehr ähnlichen Konzeptionen in bezug auf die internationalen Probleme“.

Aus der Kommunique-Sprache in die Praxis übertragen, heißt dies, Burgiba, der sich selber einmal. „Bruder der Algerier“ und „Freund der Franzosen“ genannt hat, wird fortan in aller Öffentlichkeit die Vermittlerrolle bei Friedensverhandlungen mit dem FLN übernehmen.

Als Burgiba von Schloß Rambouillet am Montagabend in seine Pariser Botschaft zurückkehrte, sagte er den Journalisten: „Verstehen Sie meine Diskretion, aber ich kann ihnen sagen: Es läuft, und ich hoffe, daß man sich bald wiedersehen wird.“ Am anderen Morgen, wenige Stunden bevor er Ferhat Abbas, den Führer der aufständischen Algerier, beim Begräbnis von König Mohammed V. in Rabat traf, prophezeite er sogar, daß schon in den nächsten Tagen etwas „Entscheidendes geschehen“ werde.

De Gaulle hat es, wie üblich, vermieden, nach dem „historischen Treffen“ einem gewöhnlichen Sterblichen zu begegnen. Er hüllt sich in Schweigen. Man ärgert sich wieder einmal über seine obstinate „Einsamkeit“. Aber man zieht daraus keine Schlüsse. Es gibt ja auch andere Möglichkeiten herauszufinden, wie die Dinge stehen. Die Presseleute haben sich in den drei Jahren der V. Republik zwangsläufig zu Spezialisten der Ausdeutung entwickelt. „Einzig Premierminister Debré macht kein lachendes Gesicht“, so steht es in einer Zeitung als Unterschrift zu dem Konferenzphoto. „Alle anderen strahlen“ – nur Ministerpräsident Debré nicht.

Wäre es nach Debrés Sinne gegangen, so hätte de Gaulle – wenn schon überhaupt einen Vermittler – den marokkanischen König Mohammed gebeten: einen Mann, der trotz aller kommunistischen Schatten, die in den letzten Monaten auf ihn gefallen sind, sich stets als Freund und politischer Gesinnungsgenosse de Gaulles und Frankreichs bewiesen hat. „Dem armen Debré geht auch alles schief“, so lautet sarkastisch ein nur allzu wahres Urteil. „Jetzt kann er nicht einmal mehr beweisen, daß de Gaulles Entscheidung für den ‚Windhund‘ Burgiba falsch war, denn der König ist tot.“