Von Josef Müller-Marein

Wie erklärt sich das Geheimnis, daß de Gaulle und Burgiba – kaum, daß sie sich aufschloß Rambouillet zum ersten Male gesehen – so offensichtlich Gefallen aneinander fanden? Burgiba, der an der Sorbonne die Rechtsgelehrsamkeit studiert hat, spricht besser Französisch als Arabisch, noch besser! Dabei weiß er in arabischer Rede Funken aus den andächtig lauschenden Massen zu schlagen, wenn er nur will. Er liebt die französische Kultur und lebt nach ihren Regeln. Er hat eine Französin zur Frau, die Witwe eines Offiziers, von der es heißt, daß sich Charme, Tapferkeit und große Geduld in ihr vereinen. Oder sollte er im vorhinein die Sympathien de Gaulles dadurch gewonnen haben, daß er einmal erklärte, er würde, wenn er Franzose wäre, ein Gaullist sein?

Nein, es scheint nicht, daß de Gaulle durch Schmeicheleien oder durch Schlauheit einzufügen sei. Eher erklärt sich das Geheimnis so: De Gaulle wäre nicht selber ein großer Mann, wüßte er nicht im anderen den großen Mann zu erkennen, sei er Partner oder Gegner. Größe haben – dies setzt jedoch für de Gaulle voraus, daß einer in der Lage sei, einer Sache, einer Idee, insbesondere seinem Vaterlande selbstlos zu dienen, ferner: eine Aufgabe, ein Schicksal früher zu erkennen als andere, zwar Rezepte listig zu finden von Fall zu Fall, jedoch dabei die Prinzipien höherzustellen als die Praktiken. Diese de Gaulleschen Charaktermerkmale treffen allerdings genauso auf Burgiba zu.

Und es gibt der Ähnlichkeiten noch mehr: Der eine ist so herrisch wie der andere, aber auch so philosophisch, so distanziert und auch so aufbrausend. Und dann noch dies: Der eine wie der andere hat viel Plackerei und Plagerei damit gehabt, starke, harte, listenreiche Gegner aus dem Spiel zu manövrieren. Aber waren die Feinde endlich erledigt – wozu noch persönliche Rache? In Frankreich wimmelt es von de Gaulle-Gegnern, aber der General läßt sie gewähren, und in Tunis lebt der Bay, dessen Vorfahren 250 Jahre regierten, im Frieden, zwar entthront, doch ungehindert. Ebenso wenig wie de Gaulle, der Exilierte während des Zweiten Weltkrieges, es liebt, andere ins Exil zu treiben, hat Burgiba, der aus zehnjähriger Gefängniserfahrung das Innere französischer Zellen kennt, ein Vergnügen daran, besiegte Feinde hinter Kerkermauern zu wissen, wie dies doch die Lust der Diktatoren ist.

So gesehen, ist zwar Franco, der Herr des kerkerreichen Spaniens, ein Diktator, aber weder de Gaulle noch Burgiba. Sie Demokraten zu nennen, wäre freilich übertrieben. Man müßte sonst leugnen, daß zur Demokratie nun einmal Parlamente gehören. Roger Stephanie, der beide Männer seit Jahren kennt, nennt sie (in der Pariser Wochenzeitung "Express") "liberale Despoten" und fügt hinzu, daß dem einen wie dem anderen Politik alles und Wirtschaft nichts bedeute. (De Gaulle: "Von zwei Völkern, die entweder nationalen Ehrgeiz haben oder daran denken, ihren Lebensstandard zu heben, setzt sich stets das erste durch!" – Zum Vergleich Burgibas Ausspruch, als er noch auf dem Wege zur Befreiung seines Landes war: Wirtschaft? Das werden wir nach der Unabhängigkeit sehen!")

Zwei eigenwillige Persönlichkeiten also. Aber einen Unterschied muß man wohl erwähnen: De Gaulle ist groß durch Frankreich; jedenfalls ist die eine Bedeutung, von der anderen nicht zu trennen. Aber Tunis – das kleine Tunis mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern – ist groß durch Burgiba, den André Philip, der französische Sozialist und Vorkämpfer Europas, im Privatgespräch den größten Staatsmann des Nahen Ostens nannte.

Ehe er nach Paris reist, war Habib Burgiba wochenlang in Zürich, um in Dr. Bircher-Benners recht vegetarisch geleitetem Sanatorium etwas gegen seinen nervösen Magen zu tun. Dort, im Park, hat man ihn spazieren sehen, den 57 Jahre alten mittelgroßen, blauäugigen Mann mit dem energischen Kinn. Oft wandelte er allein, manchmal in Begleitung tunesischer Politiker, die alle arabischer aussahen als er, seltener aber auch Seite an Seite mit europäischen Journalisten, die von seinem Temperament, seiner Schlauheit und seiner Weisheit hingerissen waren.