Sie hörten dann von den "Schatten über seinem Leben". Meinte er die Gefängnisjahre, das Exil? Nein, als er als Sieger auf weißem Pferd einritt in die Residenz, am 1. Juni 1955, hatte gerade der algerische Krieg begonnen, der Tunis, das Nachbarland, bald in die größten Schwierigkeiten brachte. Burgiba sagt von sich: "Ich bin und bleibe ein Freund des Westens", und er sagt von Frankreich: "Ich habe es stets geliebt." Und er hat doch erleben müssen, daß französische Flugzeuge (im Februar 1958) ein tunesisches Dorf – Sakiet Sidi Youssef – bombardierten. Derweil hat er nicht nur große Teile der algerischen Aufstands-Armee, sondern mehr als 150 000 Zivilisten in seinem Land aufnehmen müssen, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Wie sie ernähren, kleiden, unterbringen in einem Lande, das zeitweilig an die 400 000 Arbeitslose hatte? Welche Brutstätten der Unzufriedenheit, des Streits!

Burgiba brachte seine Zuhörer noch jedesmal dazu, daß sie die Disziplin der Neo-Destour-Partei lobten oder wenigstens als notwendiges Übel anerkannten, jener auf Gehorsam und nationalistischen Enthusiasmus gestützten "Bewegung", deren Prinzipien Burgiba schon 1930 hatte formulieren und festlegen helfen und die ihm, als er Präsident wurde, zu einer Zustimmung von 92 Prozent aller Wählerstimmen verhalf. Andererseits: Er sah Frankreich über die algerische Aufstandsarmee, die FLN, militärisch siegen – dies schwemmte ihm mehr und mehr Flüchtlinge ins kleine Land – aber eben nur militärisch und dies ließ ihn frühzeitig hoffen, daß in Frankreich ein Mann ans Ruder käme, der fähig wäre, die Militärs und die französischen Nationalisten in Algerien politisch zu besiegen. So wurde Burgiba "Gaullist", was die Abneigung, die der ägyptische Staatschef Nasser ihm – dem "Verschlagenen" – entgegenbrachte, nur vertiefen half. Dazu der Druck Rußlands auf der einen und auf der anderen Seite die Verstimmung de Gaulles, der – es ist nicht lange her – den Sohn Burgibas, den halbfranzösischen Gesandten Tunesiens in Frankreich, nicht empfing (worauf dieser nach Washington ging). Man braucht kein schwacher Mann zu sein, um in solchen "Mühlespiel-Situationen" zusammenzubrechen. Ein starker Mann allerdings wird stärker: Habib Burgiba.

Aber nun hat er endlich freundliche Worte von de Gaulle empfangen, und mehr als dies: Zeichen seines Vertrauens. Zwar hörte er von Nasser bisher kein gutes Wort. Aber aus der Freundschaft, welche die aufständischen Algerier – zumal Belkacem Krim – mit dem Herrn in Kairo verbindet, zieht Burgiba den Schluß, daß Ferhat Abbas nur so lange mit dem Osten geht, wie er Krieg gegen ein westliches Land – Frankreich – führt. "De Gaulle ist erbost und beunruhigt über die Ostverbindungen der algerischen Freiheitsführer", sagte Burgiba unlängst dem französischen Journalisten Jean Daniel, einem Algerien-Franzosen, der sehr vertraut mit den Vorgängen in seiner Heimat ist und dessen Berichte (im "Express") de Gaulle, wie es heißt, mit großer Aufmerksamkeit zu lesen pflegt. "Aber was sollten sie sonst machen? Ist erst der Frieden eingekehrt, wird alles anders werden. Davon bin ich völlig überzeugt!"

Es fragt sich nun, wie stark Burgibas Einfluß auf Ferhat Abbas und seine Leute ist, von denen man annimmt, daß ihnen auch das Vertrauen von 80 Prozent der daheimgebliebenen Algerier gehört. Der vorsichtige François-Poncet, dem man nicht nachsagen kann, daß er unbegrenztes Vertrauen auf Burgiba setze, schildert (im "Figaro") seine "wache Intelligenz, Geschmeidigkeit und Kühnheit" und nennt ihn "eine Macht, die auch in der arabischen Welt zwar kritisiert, mit Neid betrachtet, wenn nicht verabscheut wird, mit der man jedoch in Kairo, Rabat und selbst in Moskau rechnen" müsse. "Er hat der G. P. R. A. (der algerischen Exilregierung) genügend Dienste erwiesen, um gehört zu werden, und ist sicherlich eine jener Persönlichkeiten, die am ehesten berufen sind, zu vermitteln." Fügen wir hinzu: Besonders bei Ferhat Abbas, der, wie er selbst, im Grunde seines Herzens ein Freund Frankreichs geblieben ist – trotz allem, und dies nicht nur, weil auch er eine Französin zur Frau hat...