b. k., Berlin, im März

Dieser Tage veröffentlichte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ einen bemerkenswerten Brief. Angeblich stammt er von einer vierzehnjährigen Schülerin. Er ist gerichtet an ihren ehemaligen Lehrer. Absender und Empfänger bleiben anonym. Der Inhalt des Schreibens gilt einem Thema, das in der Sowjetzone als zentrales pädagogisches Problem empfunden wird: der Unaufrichtigkeit in der Erziehung.

Kaum ist anzunehmen, daß die Schreiberin wirklich noch im zarten Kindesalter steht. Selbstkritisch charakterisiert sie sich: „Ich, das arrogante Ding, das ich in Ihren und in den Augen Ihrer Kollegen bin“. Und dann gibt sie eine für sozialistische Augen und Ohren erschreckende Darstellung ihrer Umwelt: eine Mutter, die „Schmöker“ aus der dekadenten bourgeoisen Produktion liest, die in Westberlin Kaffee, Kakao und Schokolade kauft, dazu ein älteres „kaisertreues“ Ehepaar, das sich des Kindes angenommen hat und ihm rät, „mehr Diplomatie“ in der sozialistischen Umwelt zu üben und „gute Miene zum bösen Spiel zu machen“.

Das Kind hat sich „zu dummen Bemerkungen Hier unseren Staat hinreißen“ lassen, aber dann rebelliert das dem „Fortschrittlichen“ zugewandte Bewußtsein: „Ich habe es jetzt satt, immer diese Komödie mitzuspielen. Ich rede in der Schule anders als zu Hause und bei der mir befreundeten Familie wieder ganz anders.“

Das Mädchen weiß keinen Ausweg. Der „Sehr geehrte Herr W.“, der frühere Lehrer, der dem Kind mit „bissiger Ironie und „erschreckender Offenheit“ begegnete, soll ihn ihr zeigen. Freilich fügt die Schreiberin noch einige politisch recht geschickte Worte hinzu, einen Hinweis auf die Unbefangenheit der Sowjetmenschen: „Ich lese auch sowjetische Romane, so Frühling an der Oder‘ und ‚Im Gespensterwald‘ Diese Menschen dort sind so offen, so ehrlich und gut, wie es sie hier gar nicht gibt.“ Hier – das ist die Sowjetzone.

Aber noch ist zum Glück ja alles zu reparieren. Gläubig schließt die anonyme 14jährige Karin: „Ich muß nun doch den Weg zu Ihnen finden, Herr W. und das heißt zu der Partei und zu den werktätigen Menschen, zu unserem Staat. Es wird schwer sein, ich bin ihnen fremd geworden.“

Die Redaktion des „Neuen Deutschland“ fügte diesem Dokument dialektisch verfeinerter Heuchelei den Aufruf zu einer Lehrerdiskussion an, in der die Frage geklärt werden soll, wer bei der Erziehung von Karin versagt hat. Ja, wer wohl?